Unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg wurde 1945 das
Hilfswerk der evangelischen Kirche in Deutschland gegründet, das zum Ziel
hatte, Hilfssendungen zu verteilen und Vertriebene, Flüchtlinge und
insbesondere entwurzelte Jugendliche zu unterstützen. In den 50er und 60er
Jahren wurde das Hilfswerk nach und nach unter Nutzung der bestehenden
Strukturen mit der Inneren Mission zusammengeführt. In Westdeutschland
entstand daraus 1975 das Diakonische Werk der EKD, in der DDR trug die
Organisation von 1969 bis zur Vereinigung in 1991 die Bezeichnung
Diakonisches Werk – Innere Mission und Hilfswerk – des Bundes der
evangelischen Kirchen.
In der heutigen Satzung der Diakonie heißt es unter anderem: "Die Kirche
hat den Auftrag, Gottes Liebe zur Welt in Jesus Christus zu bezeugen.
Diakonie ist eine Gestalt dieses Zeugnisses und nimmt sich besonders der
Menschen in leiblicher Not, in seelischer Bedrängnis und in sozial
ungerechten Verhältnissen an. Sie sucht auch, die Ursache dieser Nöte zu
beheben."
Annelore Baun (Kassel): "Also, ich war damals im Kirchenvorstand
hier in Kassel Nordshausen. Und wir hatten die Patengemeinde in Nachterstedt.
Und dann rief mich irgendjemand, ich weiß den Namen nicht mehr, vom Landeskirchenamt
in Kassel an und bat mich, ob ich die Möglichkeit hätte, mich einzusetzen
finanziell mit Mitteln, die von der Kirche gegeben würden, eine junge
Familie in Nachterstedt zu unterstützen. Der Mann war damals Diakon, also
quasi an Pfarrerstelle, und die Pfarrer bekamen damals so gut wie kein
Geld in der DDR, das wusste ich."
Antje Pöschke (Nachterstedt): "Ja, also die
erste Zeit, in der wir hier gewohnt haben, da war mein Mann auch bei den
Bausoldaten, also bei der Armee. Er ist zu den Bausoldaten gegangen, weil
er nicht mit der Waffe dienen wollte. Und da war ich alleine zu Hause
mit den beiden großen Jungs. Ja, ich hab beim Zahnarzt in der Zeit gearbeitet
und bin halt früh aus dem Haus. Die Kinder sind in die Krippe gegangen.
Dann hab ich sie meist nach Mittag wieder abgeholt, und dann waren wir
eben hier zu Hause. Haben aber viel Gemeindeleben auch gehabt, weil ...
wir haben ja schon immer in dem Pfarrhaus gewohnt, und das ist ein Ein-
und Ausgehen. Wir haben viele Freunde, die kommen und gehen, und da war
ich nicht alleine."
Frank Pöschke (Nachterstedt): "Und das war
ja dann so, dass in der ersten Zeit, also wo der Kontakt entstanden ist,
war ich gar nicht da. Also war ich, wie gesagt, anderthalb Jahre weg bei
der Armee. Und dann erst hab ich sie direkt kennen gelernt."
Hans-Hilmar Baun (Kassel): "Der Kontakt kam so zustande, dass
wir glaub ich zunächst geschrieben haben und brieflich ... Dann kriegten
wir auch Antworten. Und dann musste man ja eine Besuchserlaubnis beantragen,
was im Kleinen Grenzverkehr eigentlich nicht sehr schwierig war. Aber
es war doch eine Menge Papierkram was man da erledigen musste. Und als
wir den ersten Besuchsverkehr dann genehmigt bekommen hatten, sind wir
dann auch rüber gefahren."
Annelore Baun (Kassel): "Ja, das war eigentlich ein ganz spontanes
Kennenlernen und eigentlich eine Sympathie, sage ich von mir, von beiden
Seiten. Das war eine ganz junge Familie. Sie hätten meine Kinder sein
können. Und sie hatten damals zwei kleine Söhne. Und dann war das so,
dann hab ich gesagt, ich mache das."
Frank Pöschke (Nachterstedt): "Es ging dann telefonisch. Also,
wir haben es versucht telefonisch. Es war ziemlich kompliziert, weil die
Telefongespräche in die Bundesrepublik mussten angemeldet werden über
Stunden. Manchmal zwölf Stunden bis da verbunden wurde. Also, es war schon
kompliziert, aber wir haben dann meistens am Telefon miteinander gesprochen."
Annelore Baun (Kassel): "Mir wurde dann ... Ich hab mein Konto
angegeben, und mir wurde regelmäßig Geld überwiesen. Ich kann die Summe
ihnen nicht mehr genau sagen. Da musste ich sehen, wie ich das Geld entweder
in Naturalien hier ... Wenn die Familie mir gesagt hat, wir brauchen das
und das ... hier was gekauft habe und ihnen zukommen lassen. Oder wir
sind dann direkt rüber gefahren und haben das Bargeld, die D-Mark, mit
rüber genommen."
Frank Pöschke (Nachterstedt): "Was hat uns gefehlt? Also,
es waren nicht die Dinge, die so vielleicht im Bereich Technik liegen.
Also, wir mussten nicht einen Fernseher haben oder ein Videogerät. Das
war nicht das, was wir brauchten, sondern ... Das kam einfach auch durch
meine berufliche Situation. Ich hab nicht viel verdient bei der Kirche.
Da ging es also auch für uns auch eher schon mal so um Dinge, die wir
uns sonst nicht leisten konnten. Also, mal vielleicht ein paar Jeans und
solche Sachen."
Hans-Hilmar Baun (Kassel): "Ja, es war so, dass man ja für
das Bargeld etwas einkaufen konnte hier. Das haben wir aber weniger getan.
Wir haben praktisch dies Bargeld ihnen komplett übergeben und haben von
uns aus, aus unseren Mitteln dann Naturalien und Stoffe, Kleidung, Kinderwagen
zum Beispiel, das haben wir dann rübergebracht. Und was auch noch immer
... Wir mussten ja einen ... es gab ja einen Zwangsumtausch an der Grenze.
Ich glaube 40 Mark pro Person. Und das Geld haben wir natürlich auch drüben
gelassen, denn wir konnten es ja gar nicht ausgeben. Das war dann allerdings
... das waren Ost-Mark."
Anneliese Baun (Kassel): "Und da ging es dann um Babysachen,
um Kinderwagen und um Sachen, die dort schlecht zu bekommen waren, die
wir hier dann besorgen sollten. Aber da kannst du vielleicht noch was
drüber sagen ... Diese ganze Aktion war nicht so ganz einfach." ...
| Hans-Hilmar Baun (Kassel): "Diese
ganze Aktion war im Winter, und es war Glatteis. Und meine Frau, die
traute sich gar nicht mitzufahren und ist dann auch zu Hause geblieben.
Ich hab also den Kinderwagen und andere Sachen eingeladen in das Auto,
bin losgefahren und hatte an der Grenze die ersten Schwierigkeiten.
Weil man durfte nur eine bestimmte Anzahl von Sachen mitnehmen vom
Wert her gesehen. Und das war zuviel was ich dabei hatte. Und das
musste ich dann ... ja, ich wusste gar nicht was ich machen sollte
und hab den gefragt: 'Was mach ich denn jetzt?' Da sagte der: 'Naja,
sie können es hier lassen und auf der Rückreise wieder mitnehmen.'
Natürlich hab ich den Kinderwagen und was so ein bisschen zur Babyausstattung
gehörte mitgenommen. Und das andere musste ich dann, was Pfarrer Most
mir noch zur Verfügung gestellt hatte, das musste ich dann praktisch
auf dem Rückweg wieder mit nach Kassel nehmen." |
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Familien Baun und Pöschke
"Glücklich über die Grenze gebracht: Der neue Kinderwagen" |
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Annelore Baun (Kassel): "Ich hab dazu ergänzend,
wenn noch Zeit ist ... Es ging einmal um Zahngold. Ich weiß nicht, ob
sie ... der Frank oder die Antje mussten einen Zahn ... Es gab drüben
nirgends Zahngold. Da haben sie mich gebeten, ob ich hier Zahngold ...
Da hab ich Blattgold hier bei Degussa besorgt mir und hab es mit über
die Grenze geschmuggelt. Das war natürlich ... da hatte ich ganz schön
Muffensausen. Das war auch gar nicht so einfach. Wir wurden ja ziemlich
streng kontrolliert. Wenn jemand den Kleinen Grenzverkehr kennt, weiß
was das hieß. Und ich hatte das Zahngold ich glaube irgendwo ... im Taschentuch
... irgendwo ganz, wo kein Mensch drauf kommt und hab es tatsächlich mit
rübergebracht. Und sie sind mir um den Hals gefallen und waren froh, dass
sie da den Zahnarzt mit dem Zahngold überraschen konnten."
Antje Pöschke (Nachterstedt): "Als unsere Tochter geboren
wurde, da war ja Frau Baun auch Patentante gewesen. Und, ja, was wir uns
gewünscht haben war auch ein schöner Kinderwagen. Und da haben wir halt
den Kinderwagen dann auch bekommen. Von dem Geld was uns ja zustand, haben
wir das kaufen lassen, und dann haben sie es eben mitgebracht. Es ging
auch. Ja, es gab wohl Schwierigkeiten an der Grenze. Das haben wir aber
nicht ganz so in vollem Maße mitbekommen, weil Herr Baun da auch nicht
sehr viel drüber gesprochen hat uns gegenüber."
Hans-Hilmar Baun (Kassel): "Die Schwierigkeiten an der Grenze
waren unseren Freunden gar nicht so bewusst. Das kam in Gesprächen dann
immer: 'Ach Gott', haben die gesagt, 'was habt ihr denn da wieder für
Schwierigkeiten gehabt an der Grenze! Ist denn das immer so?' Und, naja,
wir hatten einige Schwierigkeiten. Ich hab ja ein Beispiel schon genannt,
und es gibt unzählige andere. Wir sind auch mal sehr übel kontrolliert
worden und praktisch, ja, konfisziert worden bis ... das letzte Portmonee,
die Taschen, alles musste man aufmachen und vorzeigen. Naja, die Schwierigkeiten
waren da." ...
Annelore Baun (Kassel): "Auch Ängste! Ich hatte auch Angst
manchmal. Ich hatte ... Je mehr Jahre wir rüber fuhren, um so mehr hatte
ich eigentlich Angst auch, dass irgendwann mal da irgendwas passieren
könnte wo ich nicht mit rechnen konnte. Und ich wurde auch immer nervöser
an der Grenze bei diesen ellenlangen Kontrollen. Und das hat mir dann
nachher auch das sehr schwer gemacht noch immer den Kontakt ... also persönlich
rüber zu fahren. Aber ich hab es nur wegen der Familie getan und weil
sie sich immer so gefreut haben."
Antje Pöschke (Nachterstedt): "Es war uns auch eine Belastung,
so dass wir das auch dann nicht mehr als selbstverständlich hingenommen
haben, wenn sie uns besucht haben. Es war wirklich was ganz Besonderes,
wenn sie zu uns gekommen sind, trotz diesen Schwierigkeiten. Das war eine
schlaflose Nacht für Frau Baun und so weiter. Da hing viel dran, ja."
Frank Pöschke (Nachterstedt): "Also, er hat es ja dann manchmal
dann eben auch im Alleingang gemacht, dass er dann gefahren ist. Weil
er ist damit anders umgegangen. Ja, und ich denke, ihm ging es damit nicht
so schlecht wie ihr."
Annelore Baun (Kassel): "Die Grenzöffnung,
dass war für mich eine große Freude. Und wir haben glaube ich auch sofort
telefoniert mit Pöschkes. Und wir sind hier auch zum Kleinen Grenzverkehr
wo die Grenzen offen waren hingefahren. Aber das kannst du besser noch
als ich ..."
Hans-Hilmar Baun (Kassel): "Naja, wir hatten das gehört und
sind natürlich wie viele andere auch an die nächste Grenze hier gefahren,
im Eichsfeld. Das war ja nicht sehr weit. Und mit Pöschkes hatten wir
an dem Tag natürlich keinen Kontakt. Aber schon kurze Zeit später konnte
man auch telefonieren. Und sie kamen dann auch ... Der Herr Pöschke kam
dann hierher. Und er wollte ein Auto haben. Das war ja damals der allgemeine
Wunsch glaube ich von allen in der DDR, dass sie jetzt erstmal ein Auto
haben wollten. Denn die hatten ja immer ... wenn wir drüben waren ...
Das West-Auto, das war für die Kinder vor allen Dingen, das war was ganz
Besonderes."
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Die Familien halten bis heute Kontakt
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Frank Pöschke (Nachterstedt): "Bevor die Grenze
aufging war ... am 4. November war diese große Demonstration in Berlin.
Und an diesem Tag war die Partnergemeinde von Kassel hier bei uns in Nachterstedt
Und wir haben alle da zwar Gemeindeveranstaltungen gehabt, aber auch irgendwie
so am Fernseher gehangen und die Nachrichten verfolgt. Ich meine, das
war ja nun einmalig, dass da also von allen Seiten also Kritik geübt wurde.
Und wir haben darüber gesprochen: Ja, Mensch, da gibt es bald ein Reisegesetz,
wir können bald fahren. Und fünf Tage später wurde die Grenze ganz aufgemacht.
Also, ich hab auch zufälligerweise vor dem Fernseher gesessen. Wir waren
einfach hin und her gerissen, konnten es kaum glauben. Am nächsten Tag
sind wir kaum, also eigentlich gar nicht richtig arbeiten gefahren. Haben
uns dann hier getroffen mit Bekannten und Freunden und haben Sekt getrunken
und tja, waren einfach happy. Und ich denke, ich habe auch daran gedacht
oder wir haben auch daran gedacht, wie das nun mit Bauns zum Beispiel
werden kann, ob man da sich öfter sehen kann, unkomplizierter. Überhaupt
mit Leuten, die wir ... mit Freunden, die wir auch sonst noch in der Bundesrepublik
hatten."
Annelore Baun (Kassel): "Der Kontakt ist geblieben. Die Kinder
sind herangewachsen. Mein Patenkind, die Eva-Maria, die war einmal ...
zweimal war sie hier auch als ... Ferien verbracht hier mit einer Freundin.
Und wir bemühen uns, wenigstens einmal im Jahr, dass wir entweder rüber
fahren oder die Familie Pöschke hierher kommt. Das ist nicht immer ganz
einfach."
Andreas Pöschke (Nachterstedt): "Es war natürlich auch so,
dass wir dann einfach auch mal spontan vorbei gefahren sind. Also, wir
waren in Wuppertal. Auf der Rücktour kommt man an Kassel vorbei. Also,
haben wir gedacht, mal klingeln. Entweder sie sind da oder nicht, ja.
Und es war möglich. Also etwas ganz Normales. Man guckt einfach mal vorbei."
Ein Film von Heike
Ackermann und Harald Brock
Mitarbeit: Steffen Ackermann und Stefan Bornemann
© 2001
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