Berliner feiern „Wiedervereinigung“ / Unbeschreibliche Freude
Eine Stadt liegt sich in den Armen

Von unserem Berliner Mitarbeiter Paul F. Duwe          

Schon zum dritten Mal in diesem Jahrhundert wird eine Nacht vom 9. auf den 10. November in die Geschichte Berlins und Deutschlands eingehen. Nach Kaiserabdank (1918) und "Reichskristallnacht" (1939) verlor die Berliner Mauer an diesem 9. November nach 28 Jahren und drei Monaten ihre trennende Funktion. Zehntausende von Berlinern aus allen Bezirken feierten die "Wiedervereinigung der Stadt", wie es ein Rundfunkkommentator pathetisch ausdrückte.

Den Anfang dieser unvergesslichen Nacht markierte der Ostberliner Bezirkschef Günter Schabowski, als er am frühen Donnerstag Abend auf einer Pressekonferenz verkündete, dass alle deutsch-deutschen Grenzübergänge von sofort an geöffnet würden. Kaum hatte diese Meldung die Runde gemacht, da knallten schon in vielen Stuben die Sektkorken.

Spontan aufgemacht

Als dann in den Fernsehsendungen die Nachricht verbreitet wurde, es seien schon die ersten Ost-Berliner über die Grenzübergänge gekommen, da machten sich viele spontan auf den Weg zu den sechs innerstädtischen Grenzübergängen und zum Brandenburger Tor. Am Checkpoint Charlie, dem Passierpunkt für die Alliierten und für Diplomaten in der Friedrichstraße in Kreuzberg hatten sich schon nach 23 Uhr Tausende von Menschen versammelt.

Die Menge wuchs von Minute zu Minute. Sie drängte gegen die nur von wenigen DDR-Grenzern gesicherte Demarkationslinie. Immer weiter schob sich die Masse auf das Ost-Berliner Gebiet vor. Erst vor einem Stahltor kam es zum Halt. Aber selbst an dieser Stelle gelangten einige direkt auf das ehedem größte Heiligtum der DDR-Behörde, auf das Gelände des Checkpoints, wo noch vor wenigen Monaten ein Flüchtling gestellt wurde.

Die Grenzer zeigten sich ungewöhnlich freundlich, keine Spur der früher so häufig demonstrierten ablehnenden Kälte. "Wir wollen rein", intonierte die Masse und sang "So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn".

Viele Menschen aus dem insgesamt sehr jungen Publikum, das nach übereinstimmender Ansicht vieler Beobachter wenigstens zu zwei Dritteln aus Anhängern der alternativen Szene bestand, ließen die Sektkorken knallen, Wunderkerzen wurden hochgehalten, Männer und Frauen waren direkt auf die Mauerkrone geklettert und hatten Kerzen angezündet.

Währenddessen sammelten sich auf der anderen Seite zahlreiche Ost-Berliner, die über die Grenze kommen wollten. Kurz nach 23 Uhr konnten die ersten passieren. Sie mussten sich den Weg durch ein Spalier von West-Berlinern bahnen. Die menge klatschte unentwegt, rief "bravo, bravo", reckte die Fäuste in die Höhe und spreizte die Finger zum Victory-Zeichen.

Für die Ost-Berliner, die zum ersten Mal seit mehr als 28 Jahren die Friedrichstraße in Richtung West-Berlin fast ungehindert passieren konnten, war es überwältigend. Ein junger Mann hielt triumphierend seinen DDR-Ausweis mit dem Passierstempel in die Höhe, andere winkten vor lauter Freude, andere wiederum konnten die Tränen nicht zurückhalten, immer wieder wurden ihnen Sektflaschen entgegengestreckt.

Freibier und Buletten

Ein junger Mann aus Rangsdorf verlor im Gewühl seine Begleiterin. Telefonnummern und Adressen wurden ausgetauscht. "Du kannst jetzt ungestört anrufen, die Stasi hört nicht mehr mit", rief er voller Freude. In den Kneipen um die Ecke gab es Freibier und Buletten gratis.

Später kamen einige junge Frauen mit großen Blumensträußen, einzeln wurden Astern und Lilien über das immer noch gesperrte Haupttor geworfen; geradezu auf die dort postierten Grenzbeamten. Es war schon kurz nach zwei Uhr, da tauchten zwei Zirkusleute mit einem ausgewachsenen Braunbären auf. Der "Berliner Bär" durfte die Grenze kurz in Richtung Ost-Berlin überschreiten. Die Ost-Grenzer ließen das Happening über sich ergehen.

Viele Menschen eilten später zu dem nur zwei Kilometer entfernten Brandenburger Tor. Der Verkehr war längst zusammengebrochen. U- und S-Bahnen legten Sonderfahrten ein. Am Brandenburger Tor, dem historischen Wahrzeichen der Stadt, das gleiche Bild. Tausende und Abertausende von Menschen standen vor der Mauer. Hunderte kletterten an dieser Stelle auf die mehrere Meter breite Mauerkrone. Sie zogen sich Feuerlöschschläuchen hoch, die am frühen Abend noch zur Abschreckung dienen sollten.

Erst zu einem späteren Zeitpunkt rückten unbewaffnete DDR-Bereitschaftspolizisten an und blockierten die Straße Unter den Linden. Nun leuchteten sowohl dort als auch auf der Mauer Wunderkerzen auf. Währenddessen spazierten Kamerateams unbehelligt unter den massiven Säulen des Brandenburger Tors herum und filmten Grenzoffiziere.

Und während dort die Kameras surrten, hatte sich die Innenstadt längst in einen Kirmesplatz verwandelt. Auf dem Kurfürstendamm war der Autoverkehr vollkommen zum Erliegen gekommen. Statt dessen singende, tanzende, Sektflaschen schwingende Karawanen von Berlinern und Besuchern der Stadt. Im Stau auch Ost-Berliner Taxen, ein total ungewohntes Bild für den westlichen Teil der Stadt. Sie waren vollbesetzt zu einer nächtlichen Stippvisite über die Grenze gerollt.

(HNA vom 11.11.1989)

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