Blitzumfrage in der Kasseler Innenstadt
"Sie sollen gerne kommen, aber wieder rüberfahren"


Kassel (ach). Auf dem Parkplatz am Karlsplatz sitzt Fritz Grünberg in seinem Wagen und schaut zu einem gleich gegenüber geparkten DDR-Trabant rüber. Die plötzliche Grenzöffnung sieht er als gute Methode auf dem Weg zu demokratischen Verhältnissen in der DDR. "Ich bin überzeugt, dass die Masse der Menschen drüben bleibt", sagt er und findet, jeder Bundesbürger "sollte beitragen, dass die Besucher einen angenehmen Aufenthalt haben."

Zur überraschenden Reisefreiheit für DDR-Bürger gab es gestern bei einer Blitzumfrage der HNA in der Kasseler Innenstadt ohne Einschränkungen nur positive Stimmen. "Find' ich in Ordnung", meint kurz und bündig Jürgen Brand, der mehrere Verwandte in der DDR-Stadt Altenburg hat. Die vielleicht schon bald mal zum Kaffeetrinken bei dem Kasseler vorbeischauen.

Dass möglicherweise sehr viele DDR-Bürger die offenen Grenzen zur Flucht nutzen könnten, sorgte freilich auch für skeptische Stimmen. Die schon angekommenen, zahlreichen Flüchtlinge, die auf Dauer in der Bundesrepublik bleiben wollen, lassen viele Bürgerinnen und Bürger im Westen nachdenklich werden.

"Sie sollen gerne kommen, aber sollen auch wieder rüberfahren", sagt Karola Hartmann-Kling. Und auch Ehemann Norbert Kling findet: "Es kann nicht in unserem Interesse liegen, dass die DDR entvölkert wird." Im Moment sehe es aus, als seien alle Deutschen gleich, aber DDR-Bürger gleicher, merkt die junge Frau kritisch an. Wenn nicht wirklich alle gleichbehandelt würden, "dann wird's bei uns noch ganz, ganz große Schwierigkeiten geben", sagt das Ehepaar und denkt dabei an Geldgeschenke für DDR-Bürger und die schlechten Abgaswerte der Trabbis, an Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik.

"Das wird hart für die DDR-Bürger, die hier bleiben wollen", glaubt Rosemarie Mosler. Aber die Reisefreiheit "finde ich toll", sagt sie. "Die Mauer muss weg, die sollen rein und raus dürfen, wie in jedem anderen Land". Es "ist mir lieb, wenn Besuch kommt", sagt die Kasselerin, die ebenfalls noch Angehörige in der DDR hat. Bloß davor, dass Besucher hier bleiben möchten, ist ihr bange: "Aufnehmen kann ich niemand."

(HNA vom 11.11.1989)

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