Berlin (dpa/AP). Die Berliner Mauer stürzt ein: In den nächsten Tagen werden
neuen neue Übergänge zwischen dem Ost- und Westteil der Stadt oder von
West-Berlin zur DDR geöffnet, für die Teile der Sperranlage eingerissen werden
müssen. Bereits in der Nacht zum Freitag wurde die Grenze durchlässig wie nie
zuvor: Nach der Freigabe des Reiseverkehrs durch die DDR-Regierung nutzten mehr
als 100 000 DDR-Bürger die Gelegenheit, zum Teil erstmals in ihrem Leben
westlichen Boden zu betreten. Der Andrang an den Berliner Sektorenübergängen und
den Grenzkontrollstellen zwischen der Bundesrepublik und der DDR war nicht mehr
zu zählen. Rund 90 Prozent der Ost-West-Besucher kehrten in die Heimat zurück.
Schon am Freitag Abend öffneten die neuen Berliner Grenzübergänge an der Glienicker Brücke und im Vorort Lichtenrade. Zugleich begannen Abrissarbeiten an der Mauer und im Bezirk Prenzlauer Berg und am Potsdamer Platz. Dort soll von heute beziehungsweise morgen an der Verkehr fließen. Die weiteren Übergänge werden in den nächsten Tagen entstehen. Außerdem soll Ost-Berlin mehr und mehr an das Westberliner Nahverkehrsnetz angeschlossen werden.
Nachdem am Donnerstag Abend SED-Politbüromitglied Schabowski in Ostberlin bekannt gegeben hatte, dass alle DDR-Bürger jederzeit ein Visum für die Reise in den Westen erhalten können, gab es an den Grenzen zwischen der DDR und West-Berlin oder der Bundesrepublik kein Halten mehr. Noch in der Nacht kamen rund 50 000 Ostberliner und DDR-Bürger in den Westteil der Stadt.
Um eine dramatische Situation zu verhindern, so das DDR-Innenministerium, sei die Abfertigung unbürokratisch erfolgt: Die DDR-Bürger konnten zunächst mit Personalausweis, später teilweise ganz ohne Kontrolle die Grenze passieren. Diese Regelung wurde bis zum Abend praktiziert, obwohl ursprünglich ab Freitag 8 Uhr ein Visum verlangt werden sollte. Am späten Abend kam es dann zum Chaos: Weil ein Durchkommen an den Übergängen wegen des großen Ansturms kaum noch möglich war, kletterten Ostberliner und Westberliner einfach über die Mauer. Volkspolizisten halfen ihnen dabei. In West-Berlin spielten sich den ganzen Tag über rührende menschliche Szenen des Wiedersehens ab. Auf dem Ku'damm herrschte Volksfeststimmung.
Heikle Situation
Bei allem Jubel in West und Ost kam es gestern Abend auch zu heiklen Situationen: Etwa 500 Westberliner begannen an der Falkenseer Chaussee damit, die Mauer einzureißen. An dieser Stelle soll bald ein neuer Grenzübergang eingerichtet werden. Nach Angaben der Polizei standen in offenbar gespannter Situation etwa 50 Menschen auf der DDR-Seite einer Kette von Grenzsoldaten gegenüber, die Hunde bei sich hatten. Vor dem Brandenburger Tor standen Tausende von Westberlinern vor und auf den Sperranlagen und riefen: "Die Mauer muss weg". Zwischenfälle wurden bis Mitternacht nicht bekannt.
Kilometerlange Staus
Weitere Grenzübergänge will die DDR nach Ankündigung von Innenminister Dickel auch zur Bundesrepublik öffnen. Nachdem an den alten Übergängen bereits tagsüber Zehntausende die offene Grenze für eine Stippvisite im Westen genutzt hatten, nahm der Ansturm der DDR-Bürger mit Beginn des Wochenendes noch zu. Der Bundesgrenzschutz berichtete von kilometerlangen Stauungen an den Grenzkontrollpunkten.
Am Übergang Duderstadt brach der Reiseverkehr in die DDR zusammen. Ein großer Tei der mehr als 7500 DDR-Bürger, die bis 17.30 Uhr in die Bundesrepublik gereist war, machte sich auf den Rückweg. Auf bundesdeutscher Seite entstanden Wartezeiten von bis zu drei Stunden, während sich auf DDR-Gebiet die Fahrzeuge auf mehr als zehn Kilometer Länge stauten.
Regelung "von Dauer"
DDR-Innenminister Dickel machte in einer Fernsehansprache klar, dass für Reisen in den Westen künftig ein Visum entweder in den Pass oder in den Personalausweis eingetragen werden muss. Er versicherte den DDR-Bürgern ausdrücklich, dass die jetzt gefundene Ausreiselösung "von Dauer" sei und zu den Grundlagen des neuen DDR-Reisegesetzes gehören wird.
(HNA vom 11.11.1989).