Ostberlin: Saal war nur begrenzt aufnahmefähig
Berlin (mü/dpa/ap). Zahlreichen Journalisten, Rundfunk- und Fernsehreportern aus der westlichen Welt hat die DDR in letzter Stunde die Teilnahme an der Unterzeichnungszeremonie des Grundvertrages in Ostberlin verweigert. Unter ihnen befanden sich rund 40 Journalisten aus der Bundesrepublik und Westberlin. Insgesamt waren 271 Reporter aus 40 Ländern zugelassen, davon 60 aus der Bundesrepublik.
Ausgeschlossen waren unter anderem der Westberliner Sender Rias, der
"Axel-Springer-Dienst", die (sozialdemokratische) "Westfälische Rundschau", der
Hessische Rundfunk, der Deutschlandfunk und einzelne freie Korrespondenten aus
Westberlin, die schon seit Jahren für angesehene Zeitungen über die DDR
berichten. Auch drei amerikanische Fernsehgesellschaften wurden nicht
zugelassen.
Ein fernschriftlicher Protest von Minister Bahr an Staatssekretär Kohl am
Vorabend der Unterzeichnung hatte keinen Erfolg gehabt. In Bonn wurde die
Haltung der DDR als Verletzung der Abmachungen gewertet, die über die
technische Abwicklung der Unterzeichnung getroffen worden waren. Der deutsche
Journalistenverband (DJV) hat die Nichtzulassung der Journalisten verurteilt.
Die CSU brachte eine Anfrage im Bundestag ein.
Minister Bahr sagte am Donnerstagnachmittag nach einem Gespräch mit DDR-Staatssekretär Kohl, die DDR habe keine Auswahl nach Verlagshäusern getroffen. Das Problem sei gewesen, dass sich aus der Bundesrepublik doppelt so viele Journalisten wie aus der DDR angemeldet hätten. Im übrigen, so betonten Bahr und Kohl, seien die Raumverhältnisse begrenzt gewesen, weil der Saal nicht mehr als 240 Personen fasse. In Journalistenkreisen hieß es dazu, dass bei gutem Willen erheblich mehr Reporter Platz gefunden hätten.
(Hessische Allgemeine vom 22.12.72)