Brandt: Verabschiedung im späteren Frühjahr
Bonn (dpa/ap/ki). In Bonn ist am Freitag der Streit zwischen Bundesregierung und Opposition über den Grundvertrag mit der DDR aufs neue entbrannt. Während Regierungssprecher Grünewald in einer Stellungnahme zur jüngsten Rede des SED-Chefs Honecker erklärte, sie lasse den Schluss zu, dass Ostberlin die eingegangenen Verpflichtungen erfüllen wolle, warf Oppositionsführer Barzel der Bundesregierung vor, die im Zusammenhang mit dem Grundvertrag aufgetretenen Schwierigkeiten zu verharmlosen.
Hoffnung auf Besserung
Grünewald äußerte vor der Presse die Hoffnung der Bundesregierung, dass die "tatsächlich nicht befriedigenden Beziehungen zwischen Bonn und Ostberlin verbessert würden, auch wenn der Grundvertrag noch nicht in Kraft sei. Dabei bestritt er die Äußerung Honeckers, dass es eine Vereinbarung zwischen den Verhandlungspartnern gäbe, den Grundvertrag noch im März zu verabschieden. ...
... Bundeskanzler Brandt rechnet nach seinen Worten damit, dass der Grundvertrag "im Laufe des späteren Frühjahrs" vom Bundestag verabschiedet wird. In einem Interview der "Neuen Ruhr-Zeitung" sagte Brandt ferner, dass man "sogar mit einem gewissen Sprung nach vorn" rechnen könne, wenn durch das Vertragswerk der Weg für Nachbarschaftsbeziehungen zwischen Menschen beider Teile Deutschlands frei sein werde.
Der Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Barzel, beschuldigte die Bundesregierung, zu den Problemen Journalistenaustausch und Familienzusammenführung nur verlegene Erklärungen abzugeben. Die Vorgänge der letzten Tage werfen nach Meinung Barzels ein bezeichnendes Licht auf die Art, wie der Grundvertrag mit der DDR ausgehandelt worden sei, nämlich "oberflächlich und eilfertig". Der Oppositionsführer kündigte an, alle im Zusammenhang mit dem Grundvertrag aufgetauchten Probleme im Bundestag zur Sprache zu bringen.
(Hessische Allgemeine vom 10.3.73)