Niemand spricht mehr vom Grundvertrag, alles redet über den "kleinen Grenzverkehr". So möchte man jedenfalls meinen, jetzt, da die hohe Politik in die Praxis des deutschen Alltags eingemündet ist. Was der geschliffenen Text wirklich enthält, das offenbart sich nicht jedermann, doch seine (Neben-) Folgen bekommen Hunderttausende frei Haus. Im grenznahen Bereich wohnend, können sie für einen Tag, für 24 Stunden, nach drüben. Die Quelle, könnte man denken, wird bald zu einem gewaltigen Strom werden.
Vorerst ist es nur ein Rinnsal. Seit dem 21. Juni ist kleiner Grenzverkehr theoretisch möglich. Doch Theorie, wie ein bekannter deutscher Dichter wusste, ist grau. Erst mussten ja die Anträge gestellt werden, und deren Bearbeitung dauert im allgemeinen 14 tage. Flugs gerechnet, hatten die Grundlagenforscher auf den 5. Juli als den nächsten Termin gesetzt. Die Pendelbusse standen pünktlich bereit, doch sie fuhren meist leer. Hin und zurück, Stunde um Stunde, ein Geisterverkehr.
Man sollte daraus keine voreiligen Schlüsse ziehen. Vielleicht wurden die Genehmigungen nicht rechtzeitig erteilt, vielleicht wollen die meisten erst einmal abwarten, wie das läuft. Oder sie sind bereits in Urlaub oder sitzen auf einem von den Fluglotsen verbummelten Flughafen fest. Für das Wochenende schon wird mit regerem Verkehr gerechnet, im Herbst mag die Blume erst richtig blühen.
Doch es ist nicht nur die Mühsal des Beginns – auch die Unbequemlichkeit erstickt manchen Elan. Man kann nicht einfach über die Grenze, wie über jede andere, man muss mit dem Bus mehrmals umsteigen, ist Wartezeiten, vielleicht auch schikanösen Kontrollen ausgesetzt. Das zerrt an den Nerven und zehrt von der kostbaren Zeit, die zugebilligt wird. 24 Stunden sind nur auf dem Papier ein Tag.
Innerdeutsches Rinnsal, gesamtdeutsche Mühsal. Und doch darf man die Mühe nicht scheuen, den Tropfen nicht für gering achten. Die Wartburg lohnt schon – und alles was dazugehört.
(Hessische Allgemeine vom 6.7.1973)