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Familie Dressler

Geschichten an der Grenze

Anton Dressler wurde 1928 in einem Dorf im Riesengebirge geboren. Nach dem Besuch der Volks- und Realschule praktizierte er ein Jahr in einer mechanischen Weberei, um dann ein Studium in der Staatsfachschule für Weberei in Hohenelbe (heute Vrachlabi) aufzunehmen. Am 5. Februar 1945 wurde er zum Wehrdienst eingezogen und kam am 27. April 1945 in amerikanische Gefangenschaft. 1946 arbeitete er als Weber in einer Buntweberei in Langensalza und setzte danach sein Studium an der Textilingenieurschule fort. Im Juni 1948 erhielt er eine Zwangsarbeitereinweisung zum Uranbergbau nach, der er sich durch die Flucht in den Westen entzog. Anton Dressler lebt seit dem in Kassel und ist seit 1984 im Ruhestand.


Familie Dressler 1955 in Plauen/Vogtland
(v. links sitzend: Adi, Marie, Gitta, Rudolf, Hilde,
stehend: Schwager Günther, Elsa und ihr Ehemann Anton, Schwager Emil)

 

Der kleine Grenzverkehr

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Der Grenzübergang selbst, dass war eine Zumutung für einen normalen Mitteleuropäer. Ich will das mal kurz schildern, wie das von statten ging.  Man kam von Herleshausen, wurde dann von den Westgrenzern kurz durch gewunken und kam dann durch das Niemandsland an die DDR Grenze. Ungefähr einen Kilometer vor der eigentlichen Kontrollpunkt wurde man bereits zum ersten Mal angehalten. Hier kontrollierte ein Grenzer, ob die Papiere, also Reisepass, Visum, Zählkarte, Zollerklärung, ob das alles vorhanden war und dann durfte man weiterfahren. An dieser Stelle war bereits, neben der Straße eingelassen, ein dicker Betonriegel, der also vorgefahren werden konnte um einen gewaltsamen Grenzdurchbruch, wie das so hieß,  zu vereiteln. Dann fuhr man also bis zum Ende der Autoschlange, die bereits da stand und jetzt kam der nächste Kontrolleur,  ging also die PKW Schlange entlang und sammelte die Pässe und die Papiere ein. Er machte diese dann pro Auto in eine Mappe und legte die dann auf das Transportband, welches dann in die Kontroll-Baracke lief. Dann ging es schrittweise vorwärts bis zu dem Schalter der Kontroll-Baracke wo die Gesichtskontrolle stattfand und vor diesem Schalter war ungefähr in 5 Metern Entfernung ein weißer Strich und diesen Strich durfte man mit dem PKW nur überfahren wenn man das Handzeichen des betreffenden Grenzers bekam. Ich hatte also einmal,  als mein Vordermann weg fuhr, der war schon kontrolliert, fuhr also ohne das Handzeichen nach vorne. Da sprang der Grenzer aus seiner Bude und sagte: Wenn Sie das nicht lernen, werde ich das mit Ihnen üben. Ich musste also wieder zurück fahren und konnte dann auf Handzeichen des Grenzers nach vorne fahren.

Man kann sich vorstellen mit welchem Zähneknirschen man das über sich ergehen lies. Es war an keiner Grenze, jedenfalls in meinem Leben wo ich herum gekommen bin, hab ich nie erlebt, daß es an der Grenze so Schikanen gibt. So, dann kam man nach vorne an den Schalter. Man bekam die Pässe wieder ausgehändigt und dann kam der Zoll. Das war der Höhepunkt dann. Beim Zoll kam der Mann und sagte barsch: Kofferraum auf, Motorraum auf, rückwärtige Sitzbank ausbauen. Das war immer das gleiche. Also, man stand auf, baute die Sitzbank aus. Der Grenzer kam mit einem fahrbarem Spiegel,  den er unter den Wagen schob um zu gucken, ob da unten noch was drunter war. Dann holte er eine Sonde und stocherte im Benzintank rum und dann musste man großes Glück haben, wenn man weiter gewinkt wurde, denn recht neben der Autoschlange, waren noch die einzelnen Boxen,  wo die Spezialkontrolle statt fand. Ich musste also einmal da recht heraus fahren, aus dem einfachen Grunde, weil ich vergessen hatte ein Prospekt aus dem Auto zu tun. Der Grenzer fragte bei jeder Einreise: Haben sie Druckerzeugnisse oder Funk und Fernsehanlagen, bei Funkanlagen übrigens, da fiel schon drunter ein Spielzeugauto mit Funkfernsteuerung. Ich hatte verneint, dass ich Druckerzeugnisse bei mir habe. Er guckt in das Auto rein und sieht dieses Prospekt von einem Supermarkt. Er kommt rüber und fragt: Was ist das? Sind das Druckerzeugnisse oder nicht? Ich musste zugeben, es war eins. Ich musste recht raus fahren in die Box. Da waren Bänke, da musste alles ausgepackt werden. Koffer usw., denn die Autos die da rüber fuhren waren alle vollbepackt, mit Geschenken, dass war ja klar, die Versorgung in dem Arbeiter- und Bauernstaat, die hat ja nie funktioniert richtig, ja und da hat er mich da auseinander genommen. Ich hatte ein Paket Waschpulver dabei. Mit dem Paket Waschpulver musste ich die ganze Autoschlange entlang laufen zum röntgen. Ich muss gerade dran denken. Ein Autofahrer machte die Scheibe auf und fragte, ob ich Reklame für Ariel laufe. Also ich bin dann rein in die Baracke Und musste das Ding röntgen lassen. So und dann nach vielen wenn und aber, konnten wir weiter fahren. Wir fuhren noch kein Kilometer auf DDR Gebiet, hielten mich zwei Volkspolizisten an und verlangten 20.-DM, weil ich in der Aufregung vergessen hatte, dass Abblendlicht an zu machen.  Es war so ein bisschen diesig, also das kostete mich schon 20.-DM. Da kann man sich vorstellen mit welcher Freude man die DDR Grenze überquerte.

Dann hatte man ja noch Geschenke dabei,  Geschenke kann man gar nicht sagen, Versorgungsgüter, denn außer der Grundversorgung, die die Bevölkerung an sich hatte, war da nix daran zu machen. Ob es Kaffee, Schokolade oder Südfrüchte, dass gab es einfach nicht oder zu horrenden Preisen. In den Exquisit Läden der DDR. Als Beispiel: 1 Büchse Ananas kostete im Exquisit Laden 10.-DM, eine Strumpfhose kostete 12.-DM. Ein Pfund Kaffee kostete 40.-DM. Man kann sich vorstellen, dass bei einem durchschnittlichem Verdienst von ca. 500.-Mark, 500.-Ostmark, das eine teuere Angelegenheit war und damit man sich mal ungefähr ein Bild machen kann,  was da rüber geschleift wurde. Allein bei mir was ich rüber geschleift habe. Ich hatte also 4 Familien zu versorgen. Meine Eltern und die Familien meiner 3 Schwestern. Ich will das nur mal an der Kaffee Versorgung klar machen. Ich brachte also jeden Monat für jede Familie 1 Pfund Kaffee,  das waren also 4 Pfund im Monat, das sind im Jahr 24 Kilogramm und in 10 Jahren, sind das knapp 5 Zentner Kaffee, die ich rüber geschleift habe. Außer der Schokolade und den Südfrüchten, den Textilien, Tapeten, Ölfarbe. Es war doch nix an diesen etwas höher stehenden Gütern zu haben. 

So bei der Ausreise aus der DDR, ging das ganze Theater wieder von vorne los,  nur in umgekehrter Reihenfolge. So das wir also froh waren, wenn wir wieder zu hause waren und dieses Theater hinter uns hatten. Aber alle diese Aufregungen waren halt vergessen, wenn man die Freude sah,  mit denen man bei Verwandten empfangen wurde. Das hat ein wirklich für alles Entschädigt. 


Der Nussknacker

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Ja, also als 1945 unsere Familie ausgewiesen wurde aus dem Sudetenland, blieb sie in Thüringen hängen. Ich habe noch drei Schwestern, und ich selbst war in 1945 in Gefangenschaft und kam also erst nach Erfurt und dann nach Bad Langensalzach. Meine zwei Schwestern, die jüngste und die mittlere Schwester, sind in Langensalzach geblieben, und meine ältere Schwester ist nach Erfurt. Ich bin 1948 nach dem Westen und dem zufolge öfters mal in die damalige Zone gereist. Und als der kleine Grenzverkehr begann, waren wir heil froh, denn dann durften wir ein Visum beantragen, das galt für ein halbes Jahr, und in diesem halben Jahr konnten wir acht Mal in die DDR fahren. Was ich dabei erlebt habe, darüber könnte man ein Buch schreiben.

Denn jeder, der mal rüber gefahren ist, der weiß, was bei jeder Kontrolle an der Grenze los war. Also, ich kann mich erinnern zum Beispiel, dass ich mal drüben war und mir einen Nussknacker besorgt hatte. Allerdings muss ich sagen, es war kein normaler Nussknacker, sondern der hatte. ..  sozusagen 80 cm war er hoch und der kostete damals drüben 365 Ostmark. Und da man nur für 25 Mark, also im Wert von 25 Mark, etwas mitnehmen durfte, weil man ja nur einen Tag da war, so konnte ich natürlich normalerweise diesen Nussknacker nicht mitnehmen. Und ich habe aber den Preis abgemacht und habe den Nussknacker in den Kofferraum gelegt und habe auf die Zollerklärung geschrieben: einen Nussknacker – wobei die Größe natürlich nicht angeben war. So, der Nussknacker passte genau in den Kofferraum von meinem Mercedes. Ja, so jetzt kam ich an die Grenze. Der Zöllner guckte nach der Zollerklärung, las einen Nussknacker, sagte zu mir: "Zeigen Sie mir den Nussknacker." Ich machte den Kofferraum auf und holte den Nussknacker raus und stellte ihn so auf die Erde. Er guckte natürlich verdutzt, weil er wahrscheinlich noch nie so was gesehen hat und sagt: "Was kostet dann der?" Ich sage: "Das weiß ich nicht, den hab ich geschenkt bekommen." "Ja," sagte er, "aber der hat doch bestimmt einen Haufen Geld gekostet. "Ja," sagte ich, "das tut mir leid." Da ging der nochmals in die Bude rein, holte den Offizier raus. Der beguckte den auch noch mal, dann ging er wieder rein, und sie haben sich noch mal beraten. Dann kam er wieder und sagt: "Ach packen Sie ihn ein. "
 

Die Wurst

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In meinen Unterlagen ist auch noch die Erklärung, wo mir die ganzen Waren, die ich mitgebracht habe, von den Grenzern abgenommen wurden. Es waren an sich nur Lappalien, es waren Würstchen, ne Leberwurst, ne Blutwurst, da doch unsere Verwandten oder meine Verwandten, die wollten natürlich auch uns was mitgeben und wollten uns nicht nur was bringen lassen.
So kam ich also an die Grenze und musste also die Zollerklärung vorzeigen. Die Dame, also wenn Damen da waren, wir sagten immer Flintenweiber, da war die Kacke am dampfen, wie man so schön sagt.
Also, jedenfalls guckt die das nach, und dann hat sie gesagt: "Sie wissen doch genau, dass Sie keine Wurst mitnehmen dürfen." Ich sage: "Ja, das weiß ich schon, aber was soll ich denn machen, wenn mir die verwandten die Wurst bringen."
"Packen Sie alles zusammen und kommen Sie mal mit." So, jetzt ging sie erst mal nach vorn, in den Fußraum, und guckte da rein, was da noch lag. Und während ich hinten die Wurst zusammen packen sollte, war ich natürlich clever und hab so ne Art, so ne große Kochsalami, die war ungefähr so dick. Es war Winter, ich hatte einen Wintermantel an, unter den Mantel geschoben. Und während sie aus dem Vorderraum zurück kam, um den Kofferraum zu untersuchen, ging ich auf der anderen Seite nach vorne und legte die Wurst wieder in den Kofferraum. Die haben wir nachher als erstes zu Hause gegessen. Das war also eine schwer erstandene Wurst.
 

Der Radiorecorder 

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Oder eine Sache fällt mir gerade ein, da muss ich heute noch schmunzeln. Mein Schwager in Bad Langensalzach, also in der DDR, der hatte lange gespart, um sich 300 Westmark zu besorgen für einen Radiorecorder, und als er das Geld beisammen hatte, gab er mir das Geld mit. Ich gehe in das Geschäft hier, kaufe den Radiorecorder und nehme ihn mit. Trage ihn natürlich nicht ein, weil ich natürlich nicht wusste, wie ich handeln sollte. Ob ich jetzt sage, er gehört mir, oder ich nehme ihn mit als Geschenk. Aber Geschenke in elektronischen Dingen, die waren ja verboten. Also, ich komme an die Grenze, der Zöllner kontrolliert mich und sagt: "Was ist hier mit dem Radiorecorder?" Ich sage: "Der gehört mir, wir haben drüben ein Fest, und da soll ich die Bänder drüber laufen lassen. "Ok", hat er gesagt, "dann schreib ich ihn aber hier ein." Er hat sie mir selber in die Zollerklärung eingeschrieben. Und jetzt komme ich zu meinem Schwager in Bad Langensalzach. Ich sage zu meinem Schwager: "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht für dich. Welche willst du zuerst hören?" Sagt er: "Die Gute." Ich sage: "Die gute ist, ich hab für dich ein Kofferradio mit." "Ja," sagt er, "und nun die Schlechte." "Ja," sagte ich, "ich muss es wieder mitnehmen, weil ich es ja nicht eingetragen habe." Und prompt an der Grenze haben sie mich gefragt: "Haben sie den Recorder wieder mit dabei?" So hab ich ihn wieder mit heimgenommen  und dann hab ich ihn zerlegt. Die Lautsprecher extra und das Gerät extra. Und bei der nächsten Fahrt ist es mir gelungen, den Recorder doch zu meinem Schwager zu bringen.

 

 
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