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Eva-Maria Eckstein |
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Der "Kleine Grenzverkehr" rettet Freundschaften
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1957 Hurra! Das Abitur an der Wilhelm von Humboldt-Oberschule
in Nordhausen war geschafft. Ein Studienplatz für Pharmazie erwartete
mich an der Karl-Marx Universität in Leipzig. Meinen ursprünglichen Wunsch,
Pädagogik zu studieren, hatte ich meinem christlichen Glauben und der
Weigerung in die SED einzutreten, geopfert. Doch frohen Mutes trat ich mein Studium an. Gleich bei der Immatrikulation lernte ich Evamaria Ständer und ein Jahr später Margarete Merwart kennen. Wir arbeiteten im Labor in der selben Studiengruppe. Wir erkannten unsere Gesinnungsgleichheit und freundeten uns immer fester an. Um die geforderten politischen Aktivitäten abzudecken, erklärten wir uns bereit, für unsere Seminargruppe die kulturelle Arbeit zu organisieren. So bestellten wir Karten für Konzerte und Theateraufführungen. Bei Ernteeinsätzen kümmerten wir uns um Zusammenkünfte mit der Dorfjugend, die in Tanzabenden gipfelten. Bald standen wir im Ruf, Radieschen zu sein: Außen rot, innen weiß.
Unserer tatsächlichen Gesinnung konnten wir in der Katholischen Studentengemeinde (KSG) leben. Sie war uns geistige Heimat und Geborgenheit. Sie wurde mir aber auch zum Verhängnis. In der Funktion der 2. Sprecherin der KSG Leipzig nahm ich im Februar 1960 an einer Tagung der Sprecher/innen der Katholischen Studentengemeinden alter Universitäten der DDR in West-Berlin teil. Durch eine undichte Stelle wurden dem Staatssicherheitsdienst (STASI) alle Namen bekannt. Eine unbedachte Äußerung des FDJ-Sekretärs unserer Seminargruppe warnte mich: Der Entzug meines Personalausweises und der Einsatz zur "Bewährung" in der Produktion standen mir bevor. Ein Zurück zum Studium war illusorisch. So entschloss ich mich zur Flucht aus der DDR nach Westberlin. Am 27.05.1960 beantragte ich in Berlin-Marienfelde politisches Asyl für die BRD. Durch das Notaufnahmeverfahren wurde ich als "politischer Flüchtling" anerkannt. In der BRD
Eisenach und die Grenze Evamaria und Gretl reisten zwar übermüdet und manchmal
durchgefroren in Eisenach an, und ich erreichte erst nach nervigen, manchmal
bis zu 4 Stunden dauernden Kontrollen an der Grenze (Herleshausen) mein
Ziel. Überglücklich lagen wir uns dann in der Mitropa - Bahnhofsgaststätte
in den Armen. Vergessen war die Angst beim Schmuggeln von heiß begehrten,
aber verbotenen Katalogen, Büchern, Zeitschriften und Schallplatten. Stolz
war ich, als es mir gelang, vom russischen Dissidenten-Schriftsteller
Solschinizyn Bücher und Schriften einzuschleusen. Doch diese grausame Zeit ist überstanden! Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, am 11. November bewegte ich mich unter Tausenden von Menschen über das gesperrte, mit Gras und Gebüsch überwucherte Autobahnstück Wildeck - Obersuhl der A 4 in Richtung Demarkationslinie. Eine nicht abreißende Kolonne von PKWs, vollbesetzt mit jubelnden, winkenden und weinenden Menschen rollte von Ost nach West an uns vorbei. Unbändige Freude und unbändiger Triumph durchströmten mich! Mielke, Honecker wo ist Euer Sieg? 40 Jahre DDR Diktatur waren hinweggefegt! Wer könnte die Gefühle in diesen Tagen beschreiben?
Bad Hersfeld war von PKWs verstopft. Fremde Menschen fielen sich in die Arme, weinten gemeinsam, boten Essen und Nachtquartier an. Ein Freudentaumel hatte alle erfasst! Ich hätte es n i e für möglich gehalten, dass ich eine Zeit erleben würde, in der man sich in ganz Deutschland frei und ungehindert bewegen kann. 12 Jahre hatte die Freundschaft zu Evamaria und Gretl nur durch Briefkontakte überdauert. 17 Jahre nährte sie sich durch unsere sprichwörtlichen "Wartburg-Treffen". Diese waren nur durch den "Kleinen Grenzverkehr" möglich. Wenn ich heute die ehemalige Staatsgrenze der DDR auf der Werrabrücke passiere, die Silhouette der Wartburg in der Ferne grüßt, jubele ich innerlich und singe lauthals "mein Freiheitslied". Genießen wir diese Freiheit, die wie ein Wunder für uns angebrochen ist. Inzwischen feiern wir jährlich ein "Wartburg-Fest". Die Festspiele in Bad Hersfeld und die Gewandhauskonzerte in Leipzig werden mit Familie gemeinsam besucht. Solche praktischen, bundesweiten Kontakte werden helfen, die Mauern in unseren Köpfen abzubauen. Durch die 40jährige Trennung sind diese wohl schwerer zu demontieren als die Berliner Mauer. Doch Ausdauer, Geduld, Solidarität und Verständnis sind gefordert, damit aus den Wessis und Ossis ein Volk von WOSSIS wird - Sensibilität, Verständnis und aufmerksames Zuhören können wünsche ich uns dazu! Angedacht am 3. Oktober "Tag der Einheit 2001"
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