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Eva-Maria Eckstein

Der "Kleine Grenzverkehr" rettet Freundschaften
Eine Reise durch Zeit und Raum in die Vergangenheit


Vor 44 Jahre Freundschaften geknüpft

Vor 41 Jahren meine Flucht aus der DDR (27.05.1960)

Vor 40 Jahren Bau der Mauer (13. 08. 1961)

Vor 12 Jahren Fall der Mauer (09.11.1989)

 

1957 Hurra! Das Abitur an der Wilhelm von Humboldt-Oberschule in Nordhausen war geschafft. Ein Studienplatz für Pharmazie erwartete mich an der Karl-Marx Universität in Leipzig. Meinen ursprünglichen Wunsch, Pädagogik zu studieren, hatte ich meinem christlichen Glauben und der Weigerung in die SED einzutreten, geopfert.

Studium in Leipzig

Doch frohen Mutes trat ich mein Studium an. Gleich bei der Immatrikulation lernte ich Evamaria Ständer und ein Jahr später Margarete Merwart kennen. Wir arbeiteten im Labor in der selben Studiengruppe. Wir erkannten unsere Gesinnungsgleichheit und freundeten uns immer fester an. Um die geforderten politischen Aktivitäten abzudecken, erklärten wir uns bereit, für unsere Seminargruppe die kulturelle Arbeit zu organisieren. So bestellten wir Karten für Konzerte und Theateraufführungen. Bei Ernteeinsätzen kümmerten wir uns um Zusammenkünfte mit der Dorfjugend, die in Tanzabenden gipfelten. Bald standen wir im Ruf, Radieschen zu sein: Außen rot, innen weiß.

Im GST-Zeltlager in Tambach-Dietharz (Thüringen) für das Chemische und Pharmazeutische Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig
v. l.: Eva-Maria Eckstein, geb. Möller; Evamaria Schwachula, geb. Ständer; Margarete Jähnichen, geb. Merwart
 

Unserer tatsächlichen Gesinnung konnten wir in der Katholischen Studentengemeinde (KSG) leben. Sie war uns geistige Heimat und Geborgenheit. Sie wurde mir aber auch zum Verhängnis. In der Funktion der 2. Sprecherin der KSG Leipzig nahm ich im Februar 1960 an einer Tagung der Sprecher/innen der Katholischen Studentengemeinden alter Universitäten der DDR in West-Berlin teil. Durch eine undichte Stelle wurden dem Staatssicherheitsdienst (STASI) alle Namen bekannt. Eine unbedachte Äußerung des FDJ-Sekretärs unserer Seminargruppe warnte mich: Der Entzug meines Personalausweises und der Einsatz zur "Bewährung" in der Produktion standen mir bevor. Ein Zurück zum Studium war illusorisch. So entschloss ich mich zur Flucht aus der DDR nach Westberlin. Am 27.05.1960 beantragte ich in Berlin-Marienfelde politisches Asyl für die BRD. Durch das Notaufnahmeverfahren wurde ich als "politischer Flüchtling" anerkannt.

In der BRD

Es fiel mir sehr schwer, mich in der BRD des Jahres 1960 zu akklimatisieren. Der Studienplatz und der Freundeskreis waren verloren. Freiheiten, die in der DDR verweigert wurden, blieben in der BRD teils ungenutzt. Ich litt sehr unter dem Verlust der Nähe zu meinen beiden Studienfreundinnen Evamaria und Gretl. Ich hatte mir Schreibverbot auferlegt, um sie und ihr Weiterstudium nicht zu gefährden. Erst nach einem Jahr erhielt ich von ihnen eine Ansichtskarte mit fingierten Unterschriften. Vorsichtig wurde der schriftliche Kontakt aufgenommen. 1972 erließ die DDR Regierung eine Amnestie für Republikflüchtige. Ein Hoffnungsschimmer glomm auf! Meine beiden Freundinnen beantragten für mich das Einreisevisum.

Überglücklich fuhr ich von Bad Hersfeld nach Dessau bzw. Borna. Wie dankbar war ich für diese Besuchsmöglichkeit! Spätestens bei diesen Fahrten wurde mir bewusst, dass ich ein Stück meines Herzens in der DDR gelassen hatte! Doch die Wiedersehensfreude wurde getrübt. Die Daten der Personen, die Visa für "Westler/innen" beantragten, wurden von der STASI erfasst. Die Antragsteller und ihre Familien wurden dann einer besonderen Kontrolle und Überwachung unterzogen. So reiste ich nicht mehr per Einladung in die DDR, sondern beantragte selbst ein Touristenvisum in Berlin bei dem Volkspolizeikommissariat der DDR. Nun kam der von mir heiß geliebte "KLEINE GRENZVERKEHR" zum Tragen. BRD-Bürger des so genannten Zonenrandgebietes konnten diesen nutzen, um Verwandte und Freunde für einen Tag zu besuchen. Deren Adressen wurden bei den Grenzkontrollen natürlich auch gespeichert. Ausgerüstet mit meinem Touristen und einem Tagesvisum konnte ich nach Eisenach reisen, o h n e die Namen meiner Freundinnen preiszugeben und o h n e sie damit politisch zu gefährden. Der Trick gelang!

 

"Wartburgtreffen" 1988
(Eva-Maria Eckstein fotografiert)

Eisenach und die Grenze

Evamaria und Gretl reisten zwar übermüdet und manchmal durchgefroren in Eisenach an, und ich erreichte erst nach nervigen, manchmal bis zu 4 Stunden dauernden Kontrollen an der Grenze (Herleshausen) mein Ziel. Überglücklich lagen wir uns dann in der Mitropa - Bahnhofsgaststätte in den Armen. Vergessen war die Angst beim Schmuggeln von heiß begehrten, aber verbotenen Katalogen, Büchern, Zeitschriften und Schallplatten. Stolz war ich, als es mir gelang, vom russischen Dissidenten-Schriftsteller Solschinizyn Bücher und Schriften einzuschleusen.
Wie viele Stunden ich an dieser Grenze auf die Einreise gewartet habe, wie viele Stunden der Angst ich mit dem ständigen Absingen des Liedes "Die Gedanken sind frei, WER kann sie erraten ..." überwunden habe, weiß ich nicht. Ich weiß, dass die Erleichterung groß war, wenn wir dann von Eisenach mit meinem PKW oder dem Taxi "das Stück FREIHEIT" in den Gaststätten der Wartburg ansteuerten. Mit Hilfe von Zigaretten oder DM versuchten wir, einen abhörsicheren Ecktisch zu ergattern, um Geschenke auszutauschen und in stundenlangen Gesprächen Frust abzubauen und unsere Freundschaft zu vertiefen. In letzter Minute sausten wir zum Bahnhof bzw. zum Bus, um traurig Abschied zu nehmen. Bei diesen Treffen habe ich empfunden, was Hoffnungslosigkeit bedeutet!

Immer öfter nahm ich den Pendelbus ab der Raststätte Herleshausen auf der A 4 nach Eisenach. Dieser verkehrte täglich im Rahmen des "Kleinen Grenzverkehrs". Im Bus waren die Kontrollen der Vopos ungenauer und kürzer, der 2 Stunden Takt des Fahrplans musste eingehalten werden. Dagegen waren bei einem Grenzübertritt mit PKW der Willkür der Kontrolleure keine Grenzen gesetzt: Handtaschen, Gepäckstücke wurden durchsucht, durchleuchtet, mussten ausgepackt werden und Leibesvisitation waren an der Tagesordnung. Ich sehe noch meine damals 70jährige Mutter vor mir, wie sie im Unterhemd stehend, gebrechlich und zitternd von einer hartäugigen Volkspolizistin 'leibesvisitiert' wurde. Noch heute fühle ich den Hass und die ohnmächtige Wut in mir aufsteigen.

Die Grenzöffnung

Doch diese grausame Zeit ist überstanden! Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin, am 11. November bewegte ich mich unter Tausenden von Menschen über das gesperrte, mit Gras und Gebüsch überwucherte Autobahnstück Wildeck - Obersuhl der A 4 in Richtung Demarkationslinie. Eine nicht abreißende Kolonne von PKWs, vollbesetzt mit jubelnden, winkenden und weinenden Menschen rollte von Ost nach West an uns vorbei. Unbändige Freude und unbändiger Triumph durchströmten mich! Mielke, Honecker wo ist Euer Sieg? 40 Jahre DDR Diktatur waren hinweggefegt! Wer könnte die Gefühle in diesen Tagen beschreiben?

Die drei Freundinnen 1998 in Dessau

Bad Hersfeld war von PKWs verstopft. Fremde Menschen fielen sich in die Arme, weinten gemeinsam, boten Essen und Nachtquartier an. Ein Freudentaumel hatte alle erfasst! Ich hätte es n i e für möglich gehalten, dass ich eine Zeit erleben würde, in der man sich in ganz Deutschland frei und ungehindert bewegen kann. 12 Jahre hatte die Freundschaft zu Evamaria und Gretl nur durch Briefkontakte überdauert. 17 Jahre nährte sie sich durch unsere sprichwörtlichen "Wartburg-Treffen". Diese waren nur durch den "Kleinen Grenzverkehr" möglich. Wenn ich heute die ehemalige Staatsgrenze der DDR auf der Werrabrücke passiere, die Silhouette der Wartburg in der Ferne grüßt, jubele ich innerlich und singe lauthals "mein Freiheitslied". Genießen wir diese Freiheit, die wie ein Wunder für uns angebrochen ist. Inzwischen feiern wir jährlich ein "Wartburg-Fest". Die Festspiele in Bad Hersfeld und die Gewandhauskonzerte in Leipzig werden mit Familie gemeinsam besucht. Solche praktischen, bundesweiten Kontakte werden helfen, die Mauern in unseren Köpfen abzubauen. Durch die 40jährige Trennung sind diese wohl schwerer zu demontieren als die Berliner Mauer. Doch Ausdauer, Geduld, Solidarität und Verständnis sind gefordert, damit aus den Wessis und Ossis ein Volk von WOSSIS wird - Sensibilität, Verständnis und aufmerksames Zuhören können wünsche ich uns dazu!

Angedacht am 3. Oktober "Tag der Einheit 2001"
geschrieben von EVA-Maria Eckstein, geb. Möller

 

 
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