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Irmgard Gast

Über den kleinen Grenzverkehr habe ich ein paar Begebenheiten an der Grenze aufgeschrieben. Laut Anlage sind wir 39 x im kleinen Grenzverkehr nach Blankenheim Kreis Sangerhausen gefahren. Blankenheim war auch das Dorf, wo der kleine Grenzverkehr endete. 6 Uhr morgens fuhren wir spätestens in Kassel los und waren gegen 9 Uhr in Blankenheim. Dort besuchten wir Onkel und Tante (Rentner). Meine Cousine und deren Mann kamen an diesem Wochenende h e i m l i c h aus Berlin, da mein Cousin beruflich in der Partei sein musste, durfte er k e i n e n Kontakt zum Westen haben. Er hatte höllische Angst gesehen zu werden und hat den ganzen Tag unseres Daseins das Haus nicht verlassen! Eine schlimme Zeit.

Als meine Cousine in Blankenheim heiratete hatten wir eine für DDR-Verhältnisse große Überraschung bereit. Wir nahmen ein großes Blumengebinde mit für das Auto vorn auf die Kühlerhaube. Die Blumen nahmen fast den ganzen Kofferraum ein, so dass der Grenzer doch staunte. Ebenfalls staunte das Brautpaar. Doch in der DDR war es verboten, die Blumen auf die Kühlerhaube zu befestigen - wegen der Sicht. Was soll’s! Wir banden den Strauß fest und ab ging es von Blankenheim nach Sangerhausen. Einige Passanten blieben am Straßenrand stehen. Plötzlich standen im nächsten Ort ein paar Polizisten - durch Zufall. Uns blieb fast das Herz stehen, aber die waren wohl ebenso verdutzt, dass sie uns nicht anhielten. Noch einmal davongekommen.

Jetzt kamen die Taschenrechner auf. Mitzunehmen verboten. Mein Onkel schrieb, wir wissen, dass es verboten ist, aber vielleicht könnt ihr doch einen mitbringen. Also schwarz. Ich verstaute ihn im BH! Die Angst war groß – die Freude meines Onkels auch!

Der Schornstein im Haus meines Onkels ging kaputt. Steine dafür gab es natürlich nicht. Also waren wir wieder an der Reihe. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir mit den Klinkern gefahren sind - einige Male. Da dieselben sehr schwer waren, konnten wir ja nicht viel im PKW laden. Wir verstauten sie im ganzen Auto wegen des Gewichtes. Unter meinen Füßen waren natürlich auch welche verstaut, so dass meine Beine eine schöne "Hochlage" hatten. Der Grenzer meinte: "Sind die Steine für einen Hausbau?" Wir dachten, wenn wir die Steine für ein Haus per PKW hinüberschaffen müssten, dauerte es bestimmt solange - inzwischen sind wir doch schon auf dem Friedhof!!!

In Blankenheim angekommen, gab es ein reichhaltiges Frühstück mit einer großen Wurstplatte aus dem Menü. Diese gab es nur durch Beziehung meiner Tante. Da es in der DDR keine Wurstschneidemaschinen gab, waren Schinken und Wurst fingerdick mit der Hand geschnitten. Das war furchtbar. Gleichzeitig gab es zum Kaffee auch Bier und Schnaps, da damals in der DDR schon die Null-Promille-Grenze üblich war. Ab 12 Uhr mittags Alkoholverbot! Nachmittags gab es ca. 5 Sorten selbstgebackenen Kuchen und zusätzlich eine gekaufte Biskuitrolle aus dem Konsum! Abends die Reste vom Frühstück. Das Essen war die einzige Gegenleistung, die sie uns geben konnten. Sie hatten kein Verständnis, wenn wir das nicht wollten.

Auf der Tagesreise nahm ich immer keine Handtasche mit, was an der Grenze für die Beamten komisch war. Ich hatte eine Tasche mit Reißverschluss wie die LKW-Fahrer für die Papiere. Darin waren auch meine privaten Dinge wir Kamm, Spiegel und Lippenstift. Bei der Kontrolle musste diese Tasche oft auf das Band - aller Inhalt ausschütten.

(Foto / Günter Mach)

Kontrollierte uns eine Frau an der Grenze, waren wir schon bedient, denn Frauen waren die "Schlimmsten". Sie prüften noch intensiver. Mein Cousin wünschte sich ein Refafachbuch. In unseren Unterlagen stand, dass wir ein Fachbuch mitnehmen durften. Uns wurden deshalb Schwierigkeiten gemacht. Man ließ uns eine Stunde im Auto warten. Aussteigen war verboten. Unsere Bitte, dieses Buch selbst zu behalten oder eine Mitnahme abends auf dem Nachhauseweg - keine Antwort. Nach einer Stunde wurde uns das Buch ausgehändigt, wir durften nach Öffnung des Schlagbaumes ohne Kommentar weiterfahren. Niemand wagte sich an der Grenze auch nur ein Wort zu reden. Es war im Auto Grabesstille. Man hatte immer im Hinterkopf, die hätten Abhörgeräte.

In Blankenheim machte man sich schon Sorgen um uns, denn es gab ja kein Telefon. Eine Stunde dauerte es immer an der Grenze, nun waren es zwei.

Wir hatten immer viel Kleidung für alle Verwandten und Freunde mit. Da Kleidung verboten war, schrieben wir dieselbe nicht auf die Zoll-Inhaltserklärung. Sie guckten immer verblüfft, aber wir sagten, dass wir zur Feier fahren und uns ja umziehen mussten. Einmal hatten wir einen Herrenblazer im Gepäck. Denselben bekamen wir von Freunden geschenkt. Er war für meinen Cousin gedacht. Wir hielten die Luft an als der Beamte sagte: „Diesen Blazer bringen sie heute Abend wieder mit zurück“, ging weg, ließ uns im Auto sitzen. Oh weih, jetzt notiert er sich diesen Fall für heute Abend! Es hätte nur gefehlt, dass mein Mann diese Jacke hätte anziehen müssen - sie war ihm viel zu groß. Zum Glück passte diese Jacke in der DDR niemand, ich war froh, denn wir sollten ihn wieder mit zurückbringen. Abends warteten wir auf die Frage, den Blazer zu zeigen - aber nichts geschah. Erleichtert fuhren wir weiter - die Jacke landete in der Kleidersammlung. Auf dem Heimweg mussten wir immer alle aus dem Auto. Die hintere Sitzbank musste heraus. Es könnte ja ein Mensch darunter liegen. Außerdem spiegelte man ständig unter dem Auto. Dann wurde mit einer langen Stange im Tank herumgefischt. Einmal machten sie uns unsere Tankuhr kaputt. Wir merkten es erst im Westen. Man hätte sich nicht getraut auch nur ein Wort zu sagen.

Die aller erste Frage auf dem Heimweg war: "Haben sie noch Mark der DDR?" Das wäre schlimm gewesen. Pro Person mussten wir DM 25.- für einen Tag eins zu eins umtauschen. Das Geld stapelten meine Verwandten. Da wir immer samstags fuhren, waren die Geschäfte sowieso zu und was hätten wir denn kaufen können?

Aus dem großen Garten meiner Verwandten gab es für uns reichlich Blumen und Gemüse, im Winter den Kofferraum voll Grünkohl. Ach, die haben wohl eine Gärtnerei?!? Leberwurst und Blutwurst gab mir eine Freundin mit. Mir wurde gesagt, das sei das letzte Mal, wenn ich wieder damit komme, ja dann ...

Mein Onkel war bei uns in Kassel zu Besuch. Wir nahmen ihn wieder mit dem Auto zurück. Mir war zu Hause schon etwas komisch zu Mute als würde etwas fehlen, sagte aber nichts. An der Grenze wir waren ja schon eingereist und das Geld war schon umgetauscht, fehlten die Aufenthaltsgenehmigungen. Also zurück nach Kassel. Ausreisen, Geld zurücktauschen. Mein Onkel musste an der Grenze bleiben, da er nur einmal einreisen durfte, man steckte ihn in eine Bretterbude. Dort musste er zwei Stunden auf uns warten. Als er aus der Tür einen Kopf herausstreckte, wurde er gleich ermahnt, drin zu bleiben. So fuhren wir eine Stunde nach Kassel zurück um die Papiere zu holen - und wieder eine Stunde zurück nach Duderstadt. Mein Mann, meine Mutter und ich im Auto. Ich sage ihnen, es hat keiner auch nur auf der Fahrt ein Wort geredet. Meinen Onkel konnten wir wieder unversehrt in Empfang nehmen.

 

 
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