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Als meine Cousine in Blankenheim
heiratete hatten wir eine für DDR-Verhältnisse große Überraschung bereit.
Wir nahmen ein großes Blumengebinde mit für das Auto vorn auf die
Kühlerhaube. Die Blumen nahmen fast den ganzen Kofferraum ein, so dass der
Grenzer doch staunte. Ebenfalls staunte das Brautpaar. Doch in der DDR war
es verboten, die Blumen auf die Kühlerhaube zu befestigen - wegen der
Sicht. Was soll’s! Wir banden den Strauß fest und ab ging es von
Blankenheim nach Sangerhausen. Einige Passanten blieben am Straßenrand
stehen. Plötzlich standen im nächsten Ort ein paar Polizisten - durch
Zufall. Uns blieb fast das Herz stehen, aber die waren wohl ebenso
verdutzt, dass sie uns nicht anhielten. Noch einmal davongekommen.
Jetzt kamen die Taschenrechner auf. Mitzunehmen verboten. Mein Onkel
schrieb, wir wissen, dass es verboten ist, aber vielleicht könnt ihr doch
einen mitbringen. Also schwarz. Ich verstaute ihn im BH! Die Angst war
groß – die Freude meines Onkels auch!
Der Schornstein im Haus meines Onkels ging kaputt. Steine dafür gab es
natürlich nicht. Also waren wir wieder an der Reihe. Ich weiß nicht mehr,
wie oft wir mit den Klinkern gefahren sind - einige Male. Da dieselben
sehr schwer waren, konnten wir ja nicht viel im PKW laden. Wir verstauten
sie im ganzen Auto wegen des Gewichtes. Unter meinen Füßen waren natürlich
auch welche verstaut, so dass meine Beine eine schöne "Hochlage" hatten.
Der Grenzer meinte: "Sind die Steine für einen Hausbau?" Wir dachten, wenn
wir die Steine für ein Haus per PKW hinüberschaffen müssten, dauerte es
bestimmt solange - inzwischen sind wir doch schon auf dem Friedhof!!!
In Blankenheim angekommen, gab es ein reichhaltiges Frühstück mit einer
großen Wurstplatte aus dem Menü. Diese gab es nur durch Beziehung meiner
Tante. Da es in der DDR keine Wurstschneidemaschinen gab, waren Schinken
und Wurst fingerdick mit der Hand geschnitten. Das war furchtbar.
Gleichzeitig gab es zum Kaffee auch Bier und Schnaps, da damals in der DDR
schon die Null-Promille-Grenze üblich war. Ab 12 Uhr mittags
Alkoholverbot! Nachmittags gab es ca. 5 Sorten selbstgebackenen Kuchen und
zusätzlich eine gekaufte Biskuitrolle aus dem Konsum! Abends die Reste vom
Frühstück. Das Essen war die einzige Gegenleistung, die sie uns geben
konnten. Sie hatten kein Verständnis, wenn wir das nicht wollten.
Auf der Tagesreise nahm ich immer keine Handtasche mit, was an der Grenze
für die Beamten komisch war. Ich hatte eine Tasche mit Reißverschluss wie
die LKW-Fahrer für die Papiere. Darin waren auch meine privaten Dinge wir
Kamm, Spiegel und Lippenstift. Bei der Kontrolle musste diese Tasche oft
auf das Band - aller Inhalt ausschütten.
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(Foto
/ Günter Mach)
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Kontrollierte uns eine Frau an der Grenze, waren wir schon bedient, denn
Frauen waren die "Schlimmsten". Sie prüften noch intensiver. Mein Cousin
wünschte sich ein Refafachbuch. In unseren Unterlagen stand, dass wir ein
Fachbuch mitnehmen durften. Uns wurden deshalb Schwierigkeiten gemacht.
Man ließ uns eine Stunde im Auto warten. Aussteigen war verboten. Unsere
Bitte, dieses Buch selbst zu behalten oder eine Mitnahme abends auf dem
Nachhauseweg - keine Antwort. Nach einer Stunde wurde uns das Buch
ausgehändigt, wir durften nach Öffnung des Schlagbaumes ohne Kommentar
weiterfahren. Niemand wagte sich an der Grenze auch nur ein Wort zu reden.
Es war im Auto Grabesstille. Man hatte immer im Hinterkopf, die hätten
Abhörgeräte.
In Blankenheim machte man sich schon Sorgen um uns, denn es gab ja kein
Telefon. Eine Stunde dauerte es immer an der Grenze, nun waren es zwei.
Wir hatten immer viel Kleidung für alle Verwandten und Freunde mit. Da
Kleidung verboten war, schrieben wir dieselbe nicht auf die Zoll-Inhaltserklärung.
Sie guckten immer verblüfft, aber wir sagten, dass wir zur Feier fahren
und uns ja umziehen mussten. Einmal hatten wir einen Herrenblazer im Gepäck.
Denselben bekamen wir von Freunden geschenkt. Er war für meinen Cousin
gedacht. Wir hielten die Luft an als der Beamte sagte: „Diesen Blazer
bringen sie heute Abend wieder mit zurück“, ging weg, ließ uns im Auto
sitzen. Oh weih, jetzt notiert er sich diesen Fall für heute Abend! Es
hätte nur gefehlt, dass mein Mann diese Jacke hätte anziehen müssen -
sie war ihm viel zu groß. Zum Glück passte diese Jacke in der DDR niemand,
ich war froh, denn wir sollten ihn wieder mit zurückbringen. Abends warteten
wir auf die Frage, den Blazer zu zeigen - aber nichts geschah. Erleichtert
fuhren wir weiter - die Jacke landete in der Kleidersammlung. Auf dem
Heimweg mussten wir immer alle aus dem Auto. Die hintere Sitzbank musste
heraus. Es könnte ja ein Mensch darunter liegen. Außerdem spiegelte man
ständig unter dem Auto. Dann wurde mit einer langen Stange im Tank herumgefischt.
Einmal machten sie uns unsere Tankuhr kaputt. Wir merkten es erst im Westen.
Man hätte sich nicht getraut auch nur ein Wort zu sagen.
Die aller erste Frage auf dem Heimweg war: "Haben sie noch Mark der DDR?"
Das wäre schlimm gewesen. Pro Person mussten wir DM 25.- für einen Tag eins
zu eins umtauschen. Das Geld stapelten meine Verwandten. Da wir immer
samstags fuhren, waren die Geschäfte sowieso zu und was hätten wir denn
kaufen können?
Aus dem großen Garten meiner Verwandten gab es für uns reichlich Blumen
und Gemüse, im Winter den Kofferraum voll Grünkohl. Ach, die haben wohl
eine Gärtnerei?!? Leberwurst und Blutwurst gab mir eine Freundin mit. Mir
wurde gesagt, das sei das letzte Mal, wenn ich wieder damit komme, ja dann
...
Mein Onkel war bei uns in Kassel zu Besuch. Wir nahmen ihn wieder mit dem
Auto zurück. Mir war zu Hause schon etwas komisch zu Mute als würde etwas
fehlen, sagte aber nichts. An der Grenze wir waren ja schon eingereist und
das Geld war schon umgetauscht, fehlten die Aufenthaltsgenehmigungen. Also
zurück nach Kassel. Ausreisen, Geld zurücktauschen. Mein Onkel musste an
der Grenze bleiben, da er nur einmal einreisen durfte, man steckte ihn in
eine Bretterbude. Dort musste er zwei Stunden auf uns warten. Als er aus
der Tür einen Kopf herausstreckte, wurde er gleich ermahnt, drin zu
bleiben. So fuhren wir eine Stunde nach Kassel zurück um die Papiere zu
holen - und wieder eine Stunde zurück nach Duderstadt. Mein Mann, meine
Mutter und ich im Auto. Ich sage ihnen, es hat keiner auch nur auf der
Fahrt ein Wort geredet. Meinen Onkel konnten wir wieder unversehrt in
Empfang nehmen.
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