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Klaus Beyer: Wie war das eigentlich, Herr Hummel,
als die Grenze aufging?
Bernd Hummel: Als die Grenze aufging, war für mich mein Lebenstraum
erfüllt. Ich erinnere mich, dass zehn Minuten bevor das ZDF damals,
nämlich in der 19.00 Uhr -Ausgabe, die berühmte Erklärung von Schabowski
sendete, ich einen Anruf vom Studio Kassel bekam. Ein junger Mitarbeiter
richtete mir aus, er habe vom Chef erfahren und den Auftrag erhalten, mir
zu sagen, bei mir ginge die Grenze auf. Mir war klar, bei mir hieß in
diesem Falle Herleshausen vor der Haustür. Es war klar, wenn das hier in
Herleshausen der Fall wäre, müsste es auf der ganzen Linie so sein.
Ich kann mich ganz gut erinnern, ich habe dann als erstes den
Hörfunk-Ü-Wagen angefordert, den Fernsehkollegen Bescheid gesagt und bin
dann, ich weiß nicht mit welcher Geschwindigkeit nach Herleshausen
gefahren. Dort war nichts, dort war gar nichts. Mein alter Freund und
Kameramann Pfetzing, der fror neben mir im Auto und war nach einer Stunde
gelangweilt und sagte: "Es wird doch wohl nicht eine Fehlinformation
sein." Wir rannten dann aus dem immerhin etwas warmen Auto immer wieder an
die Abfertigungsanlagen, weil da einzelne Trabis kamen. In denen saßen
allesamt Menschen, die ein Visum vorzeigten. Wir warteten ja nun auf die,
die ohne kamen.
Genau das passierte um 01.31 Uhr, eine Vierergruppe, erinnere ich mich.
Die Leute sprangen aus diesen kleinen Autos, fielen uns um den Hals. Wir
wollten sie interviewen, das war teilweise gar nicht möglich. Das setzte
sich dann bis zum frühen Morgen fort. Es gab ganz unterschiedliche
Informationen, wie weit das reichen würde in dieser Nacht. Wir hatten da
einen Rückstau bis hinter Gotha. Keiner wusste richtig, wie kommst Du
jetzt in den Westen. Man hatte drüben zumindest die Parole ausgegeben:
"Dann geht Ihr morgen früh ab 08.00 Uhr zu den VoPo-Ämtern. Ihr bekommt
ohne Antragsformular einen Stempel und dann könnt Ihr fahren." Die
Bevölkerung wollte aber nicht mehr warten, sie fuhr einfach.
Klaus Beyer: Wollte auch keinen Stempel mehr!
Bernd Hummel: Wollte auch keinen Stempel mehr.
Für uns war das ein Einsatz von, glaube ich, vier Tagen und Nächten rund
um die Uhr. Es war am Ende so, man reagierte nur noch auf Rotlicht der
Kamera, auf Rotlicht eines Mikrofons, schluckte natürlich nicht nur die
innere Erregung herunter, eigentlich auch die Rührung. Reporter weinen
nicht, so nach dem Motto. Manchmal hat man drum gekämpft, dass man
überhaupt noch ein Wort herausbekam. Das entlud sich dann erst nach ein paar
Tagen.
Ich erinnere mich noch sehr genau, der BGS rief an und sagte: "Du, Dein
Lieblingsdorf wird geöffnet." Wir sprachen von Altenburschla und
Großburschla. Das war der Moment, wo ich nur noch gerufen habe: "Stecker
raus, wir senden von dort." Wir konnten noch nie da gewesen sein. Das
konnte ich nicht wissen, aber ich wollte dahin. Ich setzte mich in mein
Auto und weinte hemmungslos die letzten vier Tage und Nächte von der
Seele, nahm dann zum ersten Mal eigentlich zur Kenntnis, wie doch auch
Nähe entstanden war. Als vor Großburschla der Zaun aufging, sendeten wir
vom HR live. Das Studio sagte nur: "Sende solange Du kannst."
Dann fielen einem Leute um den Hals, die kannten meinen Namen und hatten
eine Sendung, die ich vor vier Jahren, vor Grenzöffnung, gemacht hatte,
eine gesamtdeutsche Sendung, gehört. Plötzlich war man nicht mehr der
neutrale Berichterstatter, der konnte man nicht mehr sein, auch ein wenig
das Objekt der Begierde, Du bist das. Dann gab es auch Situationen, da war
halt die Stimme weg, da habe ich dann nur noch schnell gesagt: "Musik!"
Aber ich glaube, in den Tagen und Wochen brauchte sich niemand seiner
Tränen zu schämen.
Klaus Beyer: Wir haben das mit Freunden hautnah miterlebt bei
Wanfried-Katharinenberg. Das war wohl ein wenig später, ein paar Tage
später zumindest. Ein kleines Tal, Straße darin, landschaftlich sehr
hübsch. Wir wollten ursprünglich nach Altenburschla zum Mittagessen, das
kann man heute auch noch sehr schön. Wir sahen, da ist irgendwie was los.
Wir sind dann zum Katharinenberg rauf gefahren. Wir sind vielleicht 400 -
500 m hinter Wanfried gekommen, haben den Wagen auf irgendeinen Feldweg
gestellt und haben uns dann seitlich bis an die Grenze durchgeschluppert,
sage ich mal.
Dort haben wir die Leute gefragt: "Was wollen Sie denn in Wanfried, da ist
doch im Prinzip weiter nichts los". "Wir wollen nur mal sehen, ob das
funktioniert, ob das geht." Dann haben die Leute, ob die alle aus Wanfried
waren, sei mal dahingestellt ... Große PKW, Brett auf der Kühlerhaube,
Sekt darauf, jede Menge, drei Mann engagiert, die die Gläser wieder
zurückholten, die da verteilt wurden. Brötchen, alles, was das Herz
begehrt und auf die Schnelle verfügbar war. Das wurde da verteilt ohne
Geld. Das war eine tolle Sache. Dass da mancher mit den Tränen kämpfte,
kann ich mir gut vorstellen.
Wer da so ständig mitgelebt hat, oder auch auf der anderen Seite an der
Grenze, und konnte nicht rüber. Irgendwo war Schluss, und jetzt konnte er
fahren, ohne Stempel, ohne Visum, ohne alles. Das war eine tolle
Geschichte.
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Bernd Hummel
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Bernd Hummel: Das war eine Riesenbefreiung, wenn auch in doppeltem
Sinne. Es war auch eine Befreiung für die Menschen hier, die ihre
Verwandten über Jahrzehnte nicht gesehen hatten, wenn die drüben wohnten,
zumal im Sperrgebiet, dann gab es ja kaum eine Möglichkeit.
Wenn man sich überlegt, wir sprachen ja vom grenznahen Reiseverkehr, wer
in Altenburschla wohnte, ich bleibe bei dem Beispiel, und in Großburschla
Verwandte hatte, konnte die dort nicht besuchen, weil im Sperrgebiet. Also
fuhr man in Altenburschla nicht einfach über die Grenze, sondern einen
Riesenschleif über Herleshausen, fuhr dann eigentlich wieder zum
Ausgangspunkt zurück, musste sich dann außerhalb des Sperrgebietes, zum
Beispiel in Treffurt, mit der Verwandtschaft aus Großburschla treffen. Das
war für die auch Zeit, die hatten ein eigenes Reglement vorn an der Grenze
und mussten um 22.00 Uhr wieder zurück sein. Danach war Licht aus.
Klaus Beyer: Aber wirklich Licht aus.
Bernd Hummel: In jeder Hinsicht, das heißt also, da hatte man dem
Zusammensein schon wieder zwei Stunden geklaut.
Klaus Beyer: Da hat die Geschichte wirklich Kobolz geschlagen.
Ich kann mich erinnern bei Treffurt, das war schon ein paar Tage nach
der Grenzöffnung. Der Grenzschutz hatte auf dieser kleinen Höhe, wenn
man von Wanfried kam, da geht es so ein wenig bergauf, auf der anderen
Seite runter nach Treffurt, ein Aggregat hingestellt, einen richtigen
Container. Drei oder vier BGS-Beamte standen davor und hatten das richtig
beleuchtet. 50 m weiter stand auf der anderen Seite eine Holzbude, eine
25er Birne darin, die einen Wackelkontakt hatte. Das waren alles so Dinge,
die vergisst man nicht, wenn man das miterlebt hat.
Das ist auch der Grund, weswegen wir Menschen, die hautnah die Situation
miterlebt haben, vor die Kamera zu kriegen versuchen. Da Sie ja über
Jahrzehnte hautnah miterlebt haben, auch von der anderen Seite, wenn ich
richtig informiert bin, sind Sie eigentlich prädestiniert für so eine
Sendung.
Bernd Hummel: Ich kann mich gut erinnern, es gab Zeiten in dieser
alten BRD, da waren Leute wie ich überhaupt nicht gefragt. Die galten auch
schnell als kalte Krieger. Wenn man eben sagte, an dieser Grenze wird
geschossen auf Menschen wie auf Hasen, da darf man nicht aufhören, darüber
zu berichten. Man muss es förmlich rausschreien, dann war man ein kalter
Krieger. Es gab Zeiten, gerade vor 1972, da wurde gesagt, Wandel durch
Annäherung und an dieser Grenze wurde immer noch geballert.
Egon Bahr, mit dem ich ein paar Mal sprach, der sagt heute in der
Rückschau auch noch, ich ,Bahr, war doch der letzte Wiedervereiniger, den
es noch gab. Dann habe ich ihn gebeten, da könnten wir uns ein anderes Mal
drüber unterhalten, wie weit dieser Wandel durch Annäherung zustande
gekommen ist. Richtig ist aber mit großer Sicherheit, dass natürlich mit
dem Grundlagenvertrag zwangsläufig die DDR öffnen musste, und trotzdem
jede Besuchergruppe die Stasi-Leute dran hatte. Da muss man sich nichts
vormachen.
Aber es ist das passiert, womit man Recht behalten hatte im damaligen
Bonn. Es gab Unruhe in der Bevölkerung, Unruhe in der ganzen Republik, und
damit ist ein Prozess ins Rollen gekommen, der da eben am 9. November 1989
endete. Das muss man schon zugestehen.
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