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Bernd Hummel

Interview zum Kleinen Grenzverkehr

Klaus Beyer: November 1989 - wer erinnert sich nicht an dieses Datum?

 

Die Grenze ist auf, die Mauer ist gefallen. Für uns im "grenznahen Gebiet" oder "Zonenrandgebiet", wie es offiziell hieß, war es nicht nur ein Begriff, eine traurige Tatsache, mit der wir versucht haben zu leben oder vielleicht richtiger gesagt, lernen mussten zu leben. 

Sie war auch Attraktion oder Sensation, denn kaum ein grenzferner Besucher hat es versäumt, diese Grenze zu besuchen, sich diese Errungenschaft des Kommunismus anzusehen. Der Kreis derjenigen Menschen, die diese Grenze hautnah erlebt hat, wird kleiner. Unsere schnelllebige und ereignisreiche Zeit lässt Erlebtes schnell vergessen. Wir wollen versuchen, dem Vergessen an diese unselige Grenze dadurch entgegenzuwirken, dass wir Zeitzeugen befragen. Zeitzeugen, die uns aus persönlichem Erleben berichten können wie es an der Grenze war, was sie erlebt haben. 

Heute haben wir das Glück, Herrn Bernd Hummel vor Mikrofon und Kamera zu haben. Er hat Jahrzehnte für Rundfunk und Fernsehen aus dem Zonenrandgebiet und von der Grenze berichtet, wohnt auch in deren Nähe.

Herr Hummel, herzlich willkommen beim Seniorenkreis im Offenen Kanal Kassel. Unser Thema heute: "Der kleine Grenzverkehr". 

Bernd Hummel: Der grenznahe Reiseverkehr hatte einen offiziellen Namen, und der hieß nun wieder "Grenznaher Reiseverkehr für Tagesbesucher". Man hat es gerne etwas komplizierter gemacht, aber im Grunde der kleine Grenzverkehr, den es über Jahrzehnte zwischen der BRD und der Schweiz gab, das war er nicht. 

Es war ein grenznaher Verkehr mit der Absicht, den Menschen in einem bestimmten Streifen beiderseits der deutschen Grenze den Kontakt damit zu ermöglichen. Das war damit gemeint, und es war ja auch Ausfluss des Grundlagenvertrages von 1972. Ich kann mich sehr gut daran erinnern, dass ich darüber mit Willi Brandt geredet habe. Er hatte die Vision und sagte, wenn erst mal auf jedem Hof in Thüringen ein Mercedes oder VW steht oder was auch immer, dann wird sich die Situation da drüben verändern. Aus zwei Überlegungen:
1. würde dann natürlich an das Konsumverhalten der DDR-Bürger appelliert. Man hat auch ein wenig darauf gesetzt, und das hat sich später als richtig erwiesen, dass man
2. ein wenig Unzufriedenheit über diese Schiene schüren wollte.

Klaus Beyer: Hat Kassel eigentlich eine besondere Rolle gespielt bei diesem kleinen Grenzverkehr?

Bernd Hummel: Kassel hat deswegen schon eine Rolle gespielt, weil man ja in Vorbereitung des Grundlagenvertrages die Treffen in Erfurt und Kassel organisierte ...

Klaus Beyer: Mit Stoph und Brandt.

Bernd Hummel: ... und dann hat man von hier aus schon auf dem Klavier gespielt Aber zunächst war es so, dass Kassel nicht in das "grenznahe Gebiet" einbezogen wurde. Ich will auch gleich daran erinnern, dass, als die Regelung in Kraft trat, es so war, dass man sich von einem hessischen Grenzkreis in den nächsten melden konnte. Später war es dann so, dass man drei oder vier auf den entsprechenden Formularen ankreuzen konnte, und man konnte dann schon früher fahren. 1972 war es so, dass man sich entscheiden musste, zum Beispiel aus dem Werra-Meißner-Kreis nach Eisenach zu fahren. Und das war es dann.

Klaus Beyer: Mehr war nicht drin?

Bernd Hummel: Es waren ja von Nord nach Süd gesehen 52 West-Landkreise, von denen man in 54 DDR-Landkreise fahren konnte. Ich habe das noch mal nachgeguckt, weil es ja inzwischen auch ein wenig vergessen wurde, weil die Konditionen später besser wurden.

Klaus Beyer: Die Zahlen sind auch nicht bekannt. Mir sind sie mit 52 West- und 54 Ost-Kreisen nicht geläufig.

Bernd Hummel: Für uns in Nordhessen waren zu erreichen die Landkreise: Nordhausen, Worbes, Heiligenstadt, Mühlhausen, Langensalza, Gotha, Schmalkalden, Meiningen und Suhl. Und das war es erst mal.

 

Aber damals, und das soll man nicht verschweigen, war das natürlich für all jene, die jenseits des Grenzzaunes Freunde und Verwandte hatten, eine riesige Erleichterung. Aber immer verbunden mit Angst. Dem ging immer voraus, eine Antragstellung, die man bisher nicht kannte. Die Tagesaufenthalte, und es wurde immer wieder gesagt, es sind Tagesaufenthalte, insofern auch nicht der traditionelle kleine Grenzverkehr. Diese Tagesaufenthalte wurden angerechnet auf ein Kontingent, das waren damals 30 Tage, die ein Westbürger sich überhaupt in der DDR aufhalten durfte.

Klaus Beyer: Im Laufe eines Jahres?

Bernd Hummel: Richtig.

Klaus Beyer: In Folge oder getrennt?

Bernd Hummel: 30 Tage hatte jeder Westbürger. Wer nun im grenznahen Reiseverkehr fuhr, der hatte die Berechtigung, neun Tage, verteilt auf ein viertel Jahr, zu nutzen. Diese neun Tage wurden dann von den 30 runtergerechnet.

Klaus Beyer: Es ist ja verrückt, auf welche Ideen man kam.

Bernd Hummel: Man wollte ja auf diese Art und Weise alles unter Kontrolle haben.

Klaus Beyer: Es ist ihnen ja offensichtlich auch gelungen. Wir hatten neulich die Gelegenheit, mit einem Omnibusunternehmer zu sprechen. Er hat uns so verschiedene Dinge erzählt, da kann man wirklich nur sagen, es ist gut, dass man da heute noch dran erinnert, dass das nicht irgendwie über die Zeit geht.

Bernd Hummel: Der Formalismus drüben, der hat natürlich Blüten getrieben. Sehr viel später, Mitte der 80er Jahre wurde das Verfahren ein wenig modifiziert. Man hatte dann 45 Tage insgesamt für die DDR und elf Tage pro Quartal, um nach drüben zu fahren. Was bis dahin eigentlich nie ging, haben dann die Bundesbürger praktiziert.

Die Regelung hieß, man musste vor Null-Uhr wieder rauf sein, das war ursprünglich so. Ich erinnere mich sehr gut daran, und das waren keine Einzelfälle, dass zum Beispiel am Grenzübergang Herleshausen dann kurz vor Null-Uhr Westwagen ankamen, die auf den Parkplatz fuhren. Schaute man in die Wagen, sah man Leute, die hatten Schlafanzüge an und Mäntel drüber. Dies war aber ganz einfach zu erklären, die tricksten dann wieder die DDR-Grenzorgane, wie das so schön hieß, aus. Die fuhren vor Null-Uhr raus in den Westen, drehten eine Ehrenrunde im Westen und fuhren nach Null-Uhr wieder rein und legten sich bei der Verwandtschaft in Eisenach oder sonst wo wieder aufs Ohr.

Klaus Beyer: Hervorragend. Die nächste Frage: Die Menschen haben schon immer mit Grenzen, Grenzern und Zöllnern gelebt. Was hat diese innerdeutsche Grenze zu einer so traurig berühmten Grenze gemacht?

Bernd Hummel: Ich will das mal ganz persönlich für mich beantworten. Daran wird man erkennen, denke ich, was da so besonders war.

Ich bin als 10-jähriger hier nach Nordhessen gekommen, kam aus dem Rheinland und hörte zum ersten Mal in 800 m bis 900 m Entfernung, da wurde geschossen. An dieser Grenze war immer etwas los, etwas was unheimlich war. Ich hatte, ich weiß nicht, ob Pech oder Glück, das vermag ich nicht zu sagen, das nächste gesamtdeutsche Erlebnis. Am 13. August 1961 war ich an dem Tag, an dem die Mauer in Berlin errichtet wurde, in Berlin und habe das mitbekommen. Ich muss sagen, dieses Jugenderlebnis und das dann später in Berlin, das hat mich geprägt. Mir war bewusst, :dass dieser Zustand an der Grenze sehr offen und später noch viel offener und brutaler dokumentierte, dass das kein normaler Zustand war.

Sie fragen danach, was war da so besonders?

Man darf nicht vergessen, ursprünglich war zwischen Hessen und Thüringen es so wie heute. Das waren Verwaltungsgrenzen, die keine Rolle spielten. Dann hatten wir plötzlich die SBZ. Das fing an mit einem halbhohen Stacheldraht, setzte sich fort über Doppelreihen-Stacheldraht. Die Sperren wurden verstärkt, und nach 1961 wurden dann Schneisen geschlagen. Man schaffte sich Sichtfeld. Warum? Die Frage beantwortet sich schnell. Sichtfeld, damit man auch auf Republikflüchtlinge schießen konnte.

Die Entwicklung wurde auch an der Grenze dramatisch forciert. Am Ende kostete die normale Grenze, wie bei uns die Autobahn heute, 1,1 bis 1,2 Millionen DM pro Kilometer. Es war am Schluss ein System mit einem Vorzaun in 5 km Entfernung und direkt an der Grenze mit Kfz-Sperrgräben, mit einem Metallgitterzaun, zeitweise bewährt in DDR-Richtung mit Todesautomaten, die ein verheerendes Werk hinterlassen haben, mit Posten rund um die Uhr und elektronischer Beobachtung. Das war das, was zum Schluss 1989 die DDR immer noch pries. Die sogenannte moderne Grenze, an der die Leute wirklich abgeschossen wurden wie die Hasen.

Klaus Beyer: Das war es. Das ist ja eine unmenschliche Geschichte. Man hat sie, annähernd zumindest wie ich weiß, in Korea. Aber sonst kennt man diese Form der Grenze wirklich nicht.

Bernd Hummel: Die Perversion bestand darin, wir erinnern uns, die DDR hatte überhaupt kein Problem, die Schlussakte von Helsinki zu unterschreiben und zu erklären, dass jeder Bürger des Landes berechtigt sei, dieses Land zu verlassen.  

Wir diskutieren heute noch über den Schießbefehl, von denen Leute wie Krenz heute noch behaupten, es habe ihn nie gegeben. Jeder Offizier an der Grenze drüben, und da gab es etliche, die geflüchtet waren, kannte diesen Schießbefehl auswendig. Er lautete: "Ich bin eingesetzt im Grenzabschnitt so und so, um Flüchtlinge zu stellen, festzunehmen oder zu vernichten." Ich habe nachgefragt: "Was heißt das?" Da antwortete mir ein Offizier, der auch den Mut hatte, vor die Kamera zu gehen: "Vernichten hieß Todesschuss!" Nachfrage: "Auch gegen Frauen und Kinder?" "Ja". Weitere Nachfrage: "Auch wenn auf das Gebiet der BRD geschossen wurde?" Antwort: "Ja."

Ich habe insofern kein Verständnis dafür, dass man sich heute so schwer tut. Die Herrschaften, die da befohlen haben, wissen das. Ich denke, es müsste möglich sein, entsprechend zu ermitteln und zu urteilen. Ich habe diese ganzen Grenzschützenurteile verfolgt und beobachtet. Man hat auf dieser Seite versucht, auf allen Ebenen diesen Dingen beizukommen. Man ist kläglich gescheitert. Man hat es ganz oben versucht bei der Generalität, es gab Bewährungsstrafen. Man hat die untere Ebene gewählt, da kam dann bitte schön, das waren Befehle. Dann hat man es auf der Unteroffiziersebene versucht, und das waren dann die, die mit draußen waren, als Postenführer zum Beispiel.

Klaus Beyer: Auch geschossen haben mitunter?

Bernd Hummel: Auch geschossen haben. Es gibt bis heute nicht einen Fall, in dem Todesschützen tatsächlich ins Gefängnis gegangen wären.

Klaus Beyer: Das ist doch aber unwahrscheinlich!

Bernd Hummel: Die Menschen in der ehemaligen DDR empfinden das zurecht als Skandal.

Klaus Beyer: Ich muss sagen, das würde ich auch so sehen.

Noch mal auf die Grenzsituation selber zu kommen. Ich hatte mal die Möglichkeit, mit einem Hubschrauber an die Grenze zu fliegen, hier auf westlicher Seite. Die Grenzsituation war folgende: leicht abfallender Hang, Oma mit Kind und weiß ich, was alles, mit Schlitten auf der westlichen Seite rodelten da frei weg. Auf der anderen Seite, man konnte das wunderschön vergleichen, sah man den Zaun, auch diesen Grenzstreifen, die Hunde da lang laufen. Auf der anderen Seite wirklich kein Mensch. Nur diese beiden Hunde, die da Patrouille liefen. Das war so ein erschütterndes Bild. Wir durften nur leider nicht aus dem Hubschrauber fotografieren. Das wäre wert gewesen, festzuhalten.

Diese Zonengrenze hat ja auch einen gewissen Anziehungsgrad gehabt, das kann man nicht verleugnen. Es war etwas Besonderes, an die Grenze zu gehen. Es war auch etwas Besonderes, vielleicht mal nach drüben zu gucken, auch wenn es nur einige Meter waren. Über den Zaun konnte man ja nicht gehen, die Grenze war noch ein Stückchen davor, gekennzeichnet durch diese Pfähle. Ich kann mich erinnern, dass wir mal mit einem Reserveoffizier in dem Gebiet der hessischen Schweiz herumspaziert sind.

Bernd Hummel: Hitzelrode, Neurode.

Klaus Beyer: ... wo auch dieses Haus da abgeschnitten ist, diese Situation. Da brüllte der plötzlich: "Mensch Klaus, Du bist schon drüben!" Na ja, das war nicht so ganz einwandfrei, aber wir haben es halt riskiert. Es war ein Anziehungspunkt. 

Ich kenne das auch von der Firmenseite her, dass gerade Besucher aus dem grenzfernen Gebiet, wie wild darauf waren, an die Zonengrenze zu kommen, mal rüberzugucken, vielleicht sogar einen Grenzer zu sehen.

Bernd Hummel: Es war eine makabre Attraktion. Wir sollten uns aber auch daran erinnern, dass all das, was jenseits dieses Zaunes passierte, jenseits von spätestens Kassel, überhaupt nicht interessierte.

Klaus Beyer: Das ist richtig.

Bernd Hummel: Da sollten wir uns mal an die Brust klopfen, wir hatten ja damals das Wiedervereinigungsgebot im Grundgesetz. Aber ich glaube, dass viele Menschen sich nicht vorstellen konnten, was dieser Zaun wirklich bewirkte. Wer keine Verwandten in der DDR hatte, hatte sich im Laufe der Jahrzehnte auch nicht mehr interessiert.

Es ist aber so gewesen, dass man auch Gemeinden gefunden hat, ich denke da an Altenburschla im Westen, Großburschla in Thüringen, die haben die Situation genutzt und haben, ich sage mal, einen Grenztourismus aufgezogen. Der war damals in Bonn hochwillkommen. Der wurde aus Bonn subventioniert. Auftrag, wenn man so will, war: Wir schaffen Leute aus dem Westen, aus dem Ruhrgebiet zum Beispiel, an die Grenze, subventionieren deren Aufenthalt, veranstalten dort politische Seminare mit dem Zweck, über diese Grenze zu reden.

Die aktuelle Zahl, wir haben gerade neulich gerechnet - Altenburschla war so eine Art Vorzeigedorf für so etwas durch einen sehr engagierten Bürgermeister, engagierte Grenzbeamte, die Tag und Nacht mit irgendwelchen Gruppen unterwegs waren - das waren immerhin rund 800 000 Menschen, die auf diese Art und Weise in all den Jahren an Seminaren teilnahmen, und an die Grenze herangeführt wurden.

Klaus Beyer: Da hat man ja denn doch eine ganze Menge getan. Ob es was hilft? Mancher wird sich daran erinnern, da bin ich auch schon mal gewesen. Aber, wahrscheinlich bleibt es auch dabei, wenn man da nicht näheren Kontakt hatte, in der Nähe wohnte oder hier von Kassel ab und zu rüber fuhr, um sich das anzugucken, sich die schöne Gegend anzusehen.

Bernd Hummel: Das war weit weg.

Klaus Beyer: Wie war das eigentlich, Herr Hummel, als die Grenze aufging?

Bernd Hummel: Als die Grenze aufging, war für mich mein Lebenstraum erfüllt. Ich erinnere mich, dass zehn Minuten bevor das ZDF damals, nämlich in der 19.00 Uhr -Ausgabe, die berühmte Erklärung von Schabowski sendete, ich einen Anruf vom Studio Kassel bekam. Ein junger Mitarbeiter richtete mir aus, er habe vom Chef erfahren und den Auftrag erhalten, mir zu sagen, bei mir ginge die Grenze auf. Mir war klar, bei mir hieß in diesem Falle Herleshausen vor der Haustür. Es war klar, wenn das hier in Herleshausen der Fall wäre, müsste es auf der ganzen Linie so sein.

Ich kann mich ganz gut erinnern, ich habe dann als erstes den Hörfunk-Ü-Wagen angefordert, den Fernsehkollegen Bescheid gesagt und bin dann, ich weiß nicht mit welcher Geschwindigkeit nach Herleshausen gefahren. Dort war nichts, dort war gar nichts. Mein alter Freund und Kameramann Pfetzing, der fror neben mir im Auto und war nach einer Stunde gelangweilt und sagte: "Es wird doch wohl nicht eine Fehlinformation sein." Wir rannten dann aus dem immerhin etwas warmen Auto immer wieder an die Abfertigungsanlagen, weil da einzelne Trabis kamen. In denen saßen allesamt Menschen, die ein Visum vorzeigten. Wir warteten ja nun auf die, die ohne kamen.

Genau das passierte um 01.31 Uhr, eine Vierergruppe, erinnere ich mich. Die Leute sprangen aus diesen kleinen Autos, fielen uns um den Hals. Wir wollten sie interviewen, das war teilweise gar nicht möglich. Das setzte sich dann bis zum frühen Morgen fort. Es gab ganz unterschiedliche Informationen, wie weit das reichen würde in dieser Nacht. Wir hatten da einen Rückstau bis hinter Gotha. Keiner wusste richtig, wie kommst Du jetzt in den Westen. Man hatte drüben zumindest die Parole ausgegeben: "Dann geht Ihr morgen früh ab 08.00 Uhr zu den VoPo-Ämtern. Ihr bekommt ohne Antragsformular einen Stempel und dann könnt Ihr fahren." Die Bevölkerung wollte aber nicht mehr warten, sie fuhr einfach.

Klaus Beyer: Wollte auch keinen Stempel mehr!

Bernd Hummel: Wollte auch keinen Stempel mehr.

Für uns war das ein Einsatz von, glaube ich, vier Tagen und Nächten rund um die Uhr. Es war am Ende so, man reagierte nur noch auf Rotlicht der Kamera, auf Rotlicht eines Mikrofons, schluckte natürlich nicht nur die innere Erregung herunter, eigentlich auch die Rührung. Reporter weinen nicht, so nach dem Motto. Manchmal hat man drum gekämpft, dass man überhaupt noch ein Wort herausbekam. Das entlud sich dann erst nach ein paar Tagen.

Ich erinnere mich noch sehr genau, der BGS rief an und sagte: "Du, Dein Lieblingsdorf wird geöffnet." Wir sprachen von Altenburschla und Großburschla. Das war der Moment, wo ich nur noch gerufen habe: "Stecker raus, wir senden von dort." Wir konnten noch nie da gewesen sein. Das konnte ich nicht wissen, aber ich wollte dahin. Ich setzte mich in mein Auto und weinte hemmungslos die letzten vier Tage und Nächte von der Seele, nahm dann zum ersten Mal eigentlich zur Kenntnis, wie doch auch Nähe entstanden war. Als vor Großburschla der Zaun aufging, sendeten wir vom HR live. Das Studio sagte nur: "Sende solange Du kannst."

Dann fielen einem Leute um den Hals, die kannten meinen Namen und hatten eine Sendung, die ich vor vier Jahren, vor Grenzöffnung, gemacht hatte, eine gesamtdeutsche Sendung, gehört. Plötzlich war man nicht mehr der neutrale Berichterstatter, der konnte man nicht mehr sein, auch ein wenig das Objekt der Begierde, Du bist das. Dann gab es auch Situationen, da war halt die Stimme weg, da habe ich dann nur noch schnell gesagt: "Musik!" Aber ich glaube in den Tagen und Wochen brauchte sich niemand seiner Tränen zu schämen.

Klaus Beyer: Wir haben das mit Freunden hautnah miterlebt bei Wanfried-Katharinenberg. Das war wohl ein wenig später, ein paar Tage später zumindest. Ein kleines Tal, Straße darin, landschaftlich sehr hübsch. Wir wollten ursprünglich nach Altenburschla zum Mittagessen, das kann man heute auch noch sehr schön. Wir sahen, da ist irgendwie was los. Wir sind dann zum Katharinenberg rauf gefahren. Wir sind vielleicht 400 - 500 m hinter Wanfried gekommen, haben den Wagen auf irgendeinen Feldweg gestellt und haben uns dann seitlich bis an die Grenze durchgeschluppert, sage ich mal.

Dort haben wir die Leute gefragt: "Was wollen Sie denn in Wanfried, da ist doch im Prinzip weiter nichts los". "Wir wollen nur mal sehen, ob das funktioniert, ob das geht." Dann haben die Leute, ob die alle aus Wanfried waren, sei mal dahingestellt ... Große PKW, Brett auf der Kühlerhaube, Sekt darauf, jede Menge, drei Mann engagiert, die die Gläser wieder zurückholten, die da verteilt wurden. Brötchen, alles, was das Herz begehrt und auf die Schnelle verfügbar war. Das wurde da verteilt ohne Geld. Das war eine tolle Sache. Dass da mancher mit den Tränen kämpfte, kann ich mir gut vorstellen.

Wer da so ständig mitgelebt hat, oder auch auf der anderen Seite an der Grenze, und konnte nicht rüber. Irgendwo war Schluss, und jetzt konnte er fahren, ohne Stempel, ohne Visum, ohne alles. Das war eine tolle Geschichte.

Bernd Hummel: Das war eine Riesenbefreiung, wenn auch in doppeltem Sinne. Es war auch eine Befreiung für die Menschen hier, die ihre Verwandten über Jahrzehnte nicht gesehen hatten, wenn die drüben wohnten, zumal im Sperrgebiet, dann gab es ja kaum eine Möglichkeit.

Wenn man sich überlegt, wir sprachen ja vom grenznahen Reiseverkehr, wer in Altenburschla wohnte, ich bleibe bei dem Beispiel, und in Großburschla Verwandte hatte, konnte die dort nicht besuchen, weil im Sperrgebiet. Also fuhr man in Altenburschla nicht einfach über die Grenze, sondern einen Riesenschleif über Herleshausen, fuhr dann eigentlich wieder zum Ausgangspunkt zurück, musste sich dann außerhalb des Sperrgebietes, zum Beispiel in Treffurt, mit der Verwandtschaft aus Großburschla treffen. Das war für die auch Zeit, die hatten ein eigenes Reglement vorn an der Grenze und mussten um 22.00 Uhr wieder zurück sein. Danach war Licht aus.

Klaus Beyer: Aber wirklich Licht aus.

Bernd Hummel: In jeder Hinsicht, das heißt also, da hatte man dem Zusammensein schon wieder zwei Stunden geklaut.  

Klaus Beyer: Da hat die Geschichte wirklich Kobolz geschlagen. Ich kann mich erinnern bei Treffurt, das war schon ein paar Tage nach der Grenzöffnung. Der Grenzschutz hatte auf dieser kleinen Höhe, wenn man von Wanfried kam, da geht es so ein wenig bergauf, auf der anderen Seite runter nach Treffurt, ein Aggregat hingestellt, einen richtigen Container. Drei oder vier BGS-Beamte standen davor und hatten das richtig beleuchtet. 50 m weiter stand auf der anderen Seite eine Holzbude, eine 25er Birne darin, die einen Wackelkontakt hatte. Das waren alles so Dinge, die vergisst man nicht, wenn man das miterlebt hat.

Das ist auch der Grund, weswegen wir Menschen, die hautnah die Situation miterlebt haben, vor die Kamera zu kriegen versuchen. Da Sie ja über Jahrzehnte hautnah miterlebt haben, auch von der anderen Seite, wenn ich richtig informiert bin, sind Sie eigentlich prädestiniert für so eine Sendung.

Bernd Hummel: Ich kann mich gut erinnern, es gab Zeiten in dieser alten BRD, da waren Leute wie ich überhaupt nicht gefragt. Die galten auch schnell als kalte Krieger. Wenn man eben sagte, an dieser Grenze wird geschossen auf Menschen wie auf Hasen, da darf man nicht aufhören, darüber zu berichten. Man muss es förmlich herausschreien, dann war man ein kalter Krieger. Es gab Zeiten, gerade vor 1972, da wurde gesagt, Wandel durch Annäherung und an dieser Grenze wurde immer noch geballert.

Egon Bahr, mit dem ich ein paar Mal sprach, der sagt heute in der Rückschau auch noch, ich ,Bahr, war doch der letzte Wiedervereiniger, den es noch gab. Dann habe ich ihn gebeten, da könnten wir uns ein anderes Mal drüber unterhalten, wie weit dieser Wandel durch Annäherung zustande gekommen ist. Richtig ist aber mit großer Sicherheit, dass natürlich mit dem Grundlagenvertrag zwangsläufig die DDR öffnen musste, und trotzdem jede Besuchergruppe die Stasi-Leute dran hatte. Da muss man sich nichts vormachen.

Aber es ist das passiert, womit man Recht behalten hatte im damaligen Bonn. Es gab Unruhe in der Bevölkerung, Unruhe in der ganzen Republik, und damit ist ein Prozess ins Rollen gekommen, der da eben am 9. November 1989 endete. Das muss man schon zugestehen.

Klaus Beyer: Begonnen hatte ja die ganze Geschichte dadurch, dass uns die Ungarn sehr stark unter die Arme gegriffen haben indem sie DDR-Bürger aufgenommen haben und sie ja im Grunde genommen haben laufen lassen.

Bernd Hummel: Wenn man die DDR-Bürger in Ungarn nicht hätte laufen lassen, hätte es bestimmt noch eine Weile gebraucht, bevor hier bei uns der Zaun gefallen wäre. Aber es ist da buchstäblich eine Bewegung zustande gekommen, die nicht mehr aufzuhalten war. Von daher verdanken wir den Ungarn eine ganze Menge, nicht nur "Gorbi". 

Klaus Beyer: Am Katharinenberg sprachen wir mit einem Grenzpolizisten, wahrscheinlich mit einem Offizier, nachdem was er da oben drauf hatte. Der sagte uns, wenn die Ungarn da nicht Vorreiter gewesen wären, das wäre jetzt noch nicht gekommen.

Bernd Hummel: Das vermute ich auch.

Klaus Beyer: Der ging merkwürdigerweise nicht aus dem Gebiet der DDR raus. Während seine Kollegen, ich sage mal jetzt niedere Chargen, ohne es beweisen zu können, die hatten Kontakt mit den BGS-Beamten. Die sprachen mit denen, erzählten sich was, passten auf, dass verkehrstechnisch da nichts passierte. Der blieb in seiner DDR.

Bernd Hummel: Na gut, das war natürlich auch für die Uniformierten; sage ich mal wertfrei, eine völlig irrsinnige Situation. Am Bahnhof Großburschla, erinnere ich mich, stand der damalige Kdr des Grenzschutzkommando-Mitte, Herr Poddig, und traf da "Kollegen der DDR". Man darf nicht vergessen, acht Tage vorher war das den DDR-Soldaten verboten, auch nur den Blick in den Westen zu wenden, geschweige denn, zu grüßen oder zu winken.

So, und nun war insbesondere der DDR, nicht etwa uns, der DDR-Führung war nun der Feind abhanden gekommen. Nun standen da Grenzschützer und Grenz-Soldaten einträchtig. Ich sage mal, die kleinen Latscher, die hatten das einfacher. Das löste man mit einer Pulle Bier, dann war vielleicht der Klassenfeind von gestern, der war dann schlagartig weg, der interessierte nicht mehr.

Während - das war ja keine Geschichte, die sofort passierte - die Offiziere damit zu tun hatten, die Truppe beieinander zu halten. Denen konnte man ja nicht mehr erzählen, da drüben stehen die Kriegstreiber, dazu war man zu nahe dran. Es wurde nicht geschossen, aber denen musste man klarmachen, dass möglicherweise dieser Staat, diese DDR, doch eine Chance haben könnte, sonst wären die Jungs, ich will nicht sagen alle weggelaufen, aber die hätten gleich den Rock ausgezogen, hätten gesagt, was soll dieser (Quatsch/Blödsinn o.ä. ??), den die SED seit Jahrzehnten erzählt.

Es war eine vergönnte Situation, fast unwirklich, was wir da erlebten. Ich ging da auf die DDR-Offiziere zu und erfuhr von denen, was sie alles von mir wussten. Das war schon beeindruckend.

Klaus Beyer: Das ist ja erstaunlich.

Bernd Hummel: Viele Jahre später, ich habe das getan. Ich wusste, dass eine Akte von mir existierte, war dann bei Gauck. Mir wurde eine Akte präsentiert von 400 Seiten. Ich fühlte mich sehr geehrt. Nein, es ist viel bitterer, wenn man es erlebt.

Ich wusste, es ist was da, hatte den Antrag gestellt, bin nach Berlin gefahren und habe mich selbst inszenieren müssen. Es wurde gesagt, bitte verfilme deinen Fall, was ja nahezu unmöglich war. Gauck nahm mich so in den Arm und sagte: "Passen Sie auf sich auf." Es war ein irrsinniges Gefühl, diesem Mitarbeiter von Gauck zu begegnen, die Hand zu geben und zu wissen, dass in diesem Augenblick dieser Mensch von dir mehr als du selber weiß.

Dann offenbaren sich über 400 Seiten, und da merkt man auch, wer was war. Da hat man genug mit sich selber zu tun. Ich habe mich insofern gerächt, als dass ich dann nach nebenan gegangen bin. Gauck saß ja in dem Gebäude, in dem Mielke saß.

Klaus Beyer: Normannenstraße.

Bernd Hummel: Da ist heute noch eine lebende Ausstellung, die möglicherweise an diesem Tag geschlossen war. So begleitete uns dann ein alter DDR-Kerl, den man dort gelassen hatte, weil er sich gut auskannte, in das Büro von Mielke. Wir wollten da drehen, da habe ich den rausgeschickt mit barschem Ton, habe gesagt: „Mach mal hier die Strippen weg“, es war ja alles abgesperrt.

Als wir alleine waren, war mein erster Gang - das war Hummels Rache am System - flegelte ich mich in den Sessel von Herrn Mielke, legte die Füße auf seinen Schreibtisch und dachte nur: „Der sitzt im Knast und du an seinem Schreibtisch, dass das überhaupt möglich ist“. Vor demselben (Tisch??) - da schließt sich der Kreis - haben hohe Offiziere und Generäle gesessen, die sich mit mir über Jahre beschäftigt haben.

Der Vorwurf lautete unter anderem sozialistischer Treuebruch, internationales Agententum. Also im Grunde genommen haben die versucht, aus mir einen James Bond für Arme zu machen. Da war einer, der sich über Jahrzehnte mit der Grenze beschäftigt hat. Diesem Journalisten Hummel wollten sie nicht glauben, das war nur Tarnung gewesen. Da konnte man die Straftatbestände nachlesen und auch das, was mich erwartet hätte, die haben operativ gearbeitet. Die haben vier Leute bei mir zu Hause über Jahre ... Ich habe in diese Akte gefasst und fand Fotos aus meinem Schlafzimmer.

Klaus Beyer: Da muss ja einer in der Nähe gewesen sein.

Bernd Hummel: Abhörprotokolle, alles, was man sich so erdenken kann, und dann erfährt man: zweimal lebenslänglich, einmal drei Jahre, dann noch mal fünf Jahre und begreift überhaupt nicht, was das sollte.

Sie stellen dann also fest, die Zeit zwischen 1975 und 1983, diese 400 Seiten, und dann kommt man wie in einem demokratischen Staat zu dem Ergebnis: als Agent taugt er gar nicht, da ist er viel zu feige. Damit hatte der Führungsoffizier seine Schuldigkeit getan, schloss die Akte, und dann erfuhr man durch einen kleinen Hinweis, dass es munter weiter ging, nur in kleiner Besetzung. Ich habe jetzt erst in diesen Wochen einen weiteren Nachforschungsantrag gestellt. Ich bin sehr gespannt, was da drin ist, denn die Zeit bis 1989, die fehlt ja noch.

Klaus Beyer: Das ist ja interessant.

Herr Hummel, vielleicht noch zum Schluss eine Frage. Nach der Grenzöffnung hat sich der Zustand eigentlich unmittelbar normalisiert, oder hat das eine gewisse Zeit gedauert? War vielleicht auch eine gewisse Scheu erkennbar, von einer Seite oder von beiden Seiten, oder hat man das jetzt so hingenommen, war froh, dass es so ist und hat damit gelebt, hat gut gelebt ohne Grenze?

Bernd Hummel: Ich denke mal, es hat sich vieles nicht erfüllt, an das man damals geglaubt hat und richtig war. Es waren praktisch Monate bis zum 3. Oktober, Monate der Euphorie, auch der gegenseitigen ganz großen Erwartungen. Gelöst wurde das ganze sehr schnell unpragmatisch innerhalb der Verwandtschaft. Da ging man hin oder fuhr mit dem Fahrrad, setzte sich ins Auto und fuhr die paar Kilometer. Das hat sich sehr schnell normalisiert.

Aber ich weiß von vielen, die kamen in ihr Heimatdorf, das sie mal verlassen hatten und fühlten sich als Fremdkörper. Es wurde ganz schnell auch deutlich, beide, Ost wie West, sprachen nicht mehr die gleiche Sprache. Man konnte zusehen, was dieser Kommunismus angerichtet hatte. Er hatte auch Familien getrennt, hatte auch das Bewusstsein verändert, und wenn man heute noch nach einem Jahrzehnt hört, na ja, die da drüben schaffen es nie, dann ist das natürlich eine sehr dumme Angelegenheit.

Aber man muss einräumen, unter einer Käseglocke gelebt zu haben, und dann kommen die Wessis und sagen wie es geht. Das halte ich nicht für gerechtfertigt ebenso wie die dummen Vorwürfe, die wollen und können nicht arbeiten. Da muss man differenzieren. Wir konnten es ja besichtigen, unter welchen üblen Umständen, zum Teil in welcher Mangelwirtschaft die da drüben versucht haben, noch was draus zu machen.

Klaus Beyer: Ganz genau, das darf man wirklich nicht vergessen.

Bernd Hummel: Ich denke, auch wenn die Medien heute von Normalität reden, es ist längst noch nicht Normalität in Deutschland. Es ist heute auch so, dass wir Medienleute sagen, es gibt eine Zeitung, die erscheint bis zum Zaun, eine Lokalzeitung zum Beispiel in Eschwege, die berichtet heute nicht mehr, was 500 m weiter ist. Umgekehrt ist es genauso, insofern eine Normalität, die wir aus der BRD kannten. Aber ich kenne Landräte und Bürgermeister, die sich heute bereits wieder beklagen, wir hätten heute indirekt eine neue Mauer. Die da drüben machen ihres, wir machen unseres. Der Unterschied besteht darin, dass kein Zaun mehr durch das Gelände verläuft. Da muss man verflixt aufpassen, dass da nicht was anderes passiert.

Ich denke aber, insgesamt war die Annäherung von beiden Seiten, selbst wenn wir die Euphorie der ersten Wochen weglassen, im grenznahen Bereich - und da schließt sich wieder der Kreis - sehr viel schneller möglich. Man konnte eben vom Westen aus hingucken, und es gab sehr viele intakte verwandtschaftliche Beziehungen, die haben die Wiedervereinigung über die schwierigsten Anfänge gerettet. Heute, ich erfahre das von jungen Kollegen, setzt man sich ins Auto, und ich gucke mir mal Erfurt an. Das ist selbstverständlich.

Klaus Beyer: Wo ist das Problem? Das ist ja schon mal eine tolle Geschichte. Herr Hummel, herzlichen Dank.

Bernd Hummel: Wir könnten stundenlang reden.

Klaus Beyer: Holen wir bei Gelegenheit auf der kleinen Schiene nach. Ich bedanke mich sehr. Tschüss.

Bernd Hummel: Tschüss
 

 
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