|
|
|||
|
|
|||
1 x Eisenach und zurück |
|||
Erfahrungen im kleinen Grenzverkehr |
|||
|
Schon im Februar 1986 hatten wir beim Kreispolizeiamt Eisenach einen Antrag auf einen Berechtigungsschein zum mehrmaligen Empfang eines Visums gestellt. Am 20. März war es soweit; von Berlin bekamen wir die gewünschten Papiere. Das Jahr verging, und noch immer hatten wir keinen Termin in unserem Rentnerdasein eingeplant. Es war nun September geworden, und der Ablauf des Halbjahrestermins rückte immer näher. Für unseren Tagesausflug kamen nur noch der 16. oder 17. September in Frage. Am Montag, dem 16., wurden die Formulare ausgefüllt, Geld in kleinen Scheinen von der Bank geholt und frühzeitig schlafen gegangen, denn der Tag sollte ausgefüllt werden. Dienstag früh läutete der Wecker um 5.25 Uhr, und es wurde sich frisch gemacht, gefrühstückt und punkt sieben Uhr ging es mit dem Auto durch das Ulfetal nach Herleshausen bis zur Autobahnraststätte. Hier stellten wir den PKW ab und erkundigten uns bei dem Tankstellenwärter unter anderem über Busabfahrtszeiten und den Haltepunkt des Busses. Die Wolken hingen tief, es war kühl und man fröstelte bei diesem Wetter. Auf den Parkplätzen standen große Laster aus der DDR und CSR, und die Fahrer versuchten, sich in den Waschräumen, die mal wieder eine Säuberung verdient hätten, frisch zu machen. Gegen 8.20 Uhr kam der Bus der Bundesbahn zum Haltepunkt, und ganze 5 Personen stiegen ein; zwei Männer und ein junges Mädchen mit vollen Taschen, die von ihrem Vater an den Bus gebracht wurde, um Verwandte in Eisenach zu besuchen und mit Frischobst und sonstigen Dingen zu versorgen, die dort immer noch Mangelware sind. Der Bus fuhr nun auf der neuen Strecke, die mit Hilfe der Bundesrepublik mit einer hohen langen Brücke ausgestattet wurde, bis zum Kontrollpunkt Wartha, der zur DDR gehört. Hier wurden durch Volkspolizisten die Einreisepapiere kontrolliert, und wir zahlten pro Kopf DM 5.- für das Tagesvisum. Anschließend kam ein weiterer Beamte, der den Zwangsumtausch von DM 15.- bis 25.- DM je Tag vornahm. Alles ging in einem sachlichen kühlen Ton vor sich. Man hatte den Eindruck, mit menschlichen Robotern zu tun zu haben, die keine Regungen kennen. Nach ca. 30 Minuten weiterer Fahrt erreichten wir den westlichen Stadtrand von Eisenach und sahen zu linker Hand mehrere große vierstöckige Gebäude. Kurz darauf erreichten wir den Hauptbahnhof, ein Gebäude aus massiven Steinen aus der Gründerzeit, der einen tristen Eindruck macht, aber eine beachtliche Größe hat. Vor dem Bahnhofsgebäude befindet sich ein Platz, dessen Steinbelag auch schon bessere Zeiten erlebt hat, denn die Pflastersteine waren unterschiedlich tief eingedrückt, so dass große Pfützen voll schmutzigem Regenwasser standen. 50 Meter weiter war der Busbahnhof, voll gestellt mit Bussen östlicher Produktion, die als Sonderheit einen Nachläufer haben, der mit einer Drehscheibe ausgestattet ist, so dass bei Kurven ein leichteres Fahren möglich ist. Die Busse selbst haben östlichen Standard, sind schmutzig und haben wenige Sitzplätze, sind also mehr für Berufsverkehr konzipiert. Da wir noch einige Minuten bis zur Abfahrt des Busses auf die Wartburg Zeit hatten, konnten wir uns die Menschen aus der Umgebung anschauen, die ebenfalls auf die Burg wollten. Trotz einfacher Kleidung und ebensolchem Schuhwerk machten sie einen zufriedenen Eindruck und manches Scherzwort flog zwischen ihnen hin und her. Die Zeit der Abfahrt war gekommen, wie ergatterten noch einen Sitzplatz, und schon ging es über eine ansteigende Straße bis zur Station des Eselspfades. Wir gingen nun über einen steilen Weg bis zum Eingang der Burg, die einen gepflegten Eindruck macht, war sie doch als nationales Kulturgut vor Jahren renoviert und bei der Einweihung von höchsten politischen und geistigen Würdenträgern besucht worden. An einem Schalter im Burghof lösten wir Eintrittskarten und stellten uns an eine Reisegruppe aus Schleswig-Holstein. Bald begann der Eintritt in die Burggebäude, beginnend mit dem Pallas aus dem 11. Jahrhundert im romanischen Stil, zusätzlich ausgefüllt mit einzelnen Kapitälen. Der Burgführer war ein junger Mann mit akademischer Ausdrucksweise, der ab und zu von den Schleswig-Holsteinern korrigiert wurde. Wir sahen die Elisabeth-Kemenate, ebenfalls romanisch, aber mit byzantinischen Mosaiken ausgestattet, die in Bildern den Lebensweg der ungarischen Königstochter zeigt. Die Ausstattung mit den byzantinischen Mosaiken war ein Geschenk des letzten deutschen Kaisers, Wilhelm II.. Wir sahen ferner den so genannten Sängersaal, der mit einem großem Gemälde des Österreichers Moritz von Schwindt ausgestattet ist. Ferner sind Persönlichkeiten der damaligen Zeit – um 1855 – verewigt, wie Schiller, Goethe, Franz Liszt und andere. In einem weiteren Raum befinden sich Gemälde mit Szenen, die Ereignisse der Landgrafen, die diese Burg bewohnten, darstellen. Den großen Festsaal, der mit einer Holzkassettendecke nach Anregung von Franz Liszt ausgestattet ist, und in dem im Sommer noch jetzt Festkonzerte stattfinden, sahen wir auch. Nach der geführten Besichtigung besuchten wir noch das anschließende Museum, das mehrere Ölgemälde aus der Werkstatt von Lukas Cranach, dem Älteren, zeigt. Es war sehr vielseitig, und wir bereuten nicht, dass wir nach über 40 Jahren dieses alte Kulturgut der Deutschen noch mal zu Gesicht bekamen. Es war Mittag, und wir gingen nun zu Fuß über den Reuterweg, der teilweise über den so genannten Eselpfad bis zum Fuße des Wartberges geht. Hier sahen wir auch ein Museum, das dem Dr. Reuter sowie Richard Wagner gewidmet ist, der ja die Wartburg musikalisch in der Oper „Der Sängerkrieg“ verewigt hat. Natürlich haben wir nicht vergessen, das Lutherzimmer zu besichtigen, in dem Luther in den Jahren 1520-1521 in einer Zeit von ca. 9 Wochen das NEUE TESTAMENT aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte. Auch den Gang auf einen der Türme ließ ich mir nicht entgehen; allerdings war die Sicht infolge niedrig hängender Wolken sehr mäßig. Unterwegs auf dem Weg in die Stadt trafen wir noch eine Frau mittleren Alters, deren Mann Pfarrer in der Eisenacher Stadtkirche, der Georgskirche, ist. Sie war wenige Tage zuvor, obwohl noch nicht 60 Jahre alt, zu einer Familienfeier im Westen und war überwältigt von der Vielzahl der Waren und den vielen neuen Bauten, die bei uns im Westen ganze Städte verändert haben. Diese Frau klagte nicht, war aber resigniert über die Zustände in ihrer Stadt und die vielen Versorgungsmängel, da vieles an Ware nur für den Export produziert wird. Es ist traurig, dass Menschen, die genauso tüchtig sind wie wir, noch immer unter den Folgen eines verlorenen Krieges und einer anderen politischen Entwicklung zu leiden. Wenige hundert Meter weiter fragte ich eine junge Frau nach einem Restaurant, die bereitwillig Auskunft gab. Bei dem sich anschließenden Gespräch erfuhren wir, dass sie dieses Jahr keinen Urlaub gemacht habe, da sie ihre Wohnung restauriere und außerdem Reisen nach dem Westen nicht möglich seien. Sie war ein frischer, fröhlicher, junger Mensch, der sich im Gegensatz zu den älteren in die Verhältnisse reinfügt ohne zu jammern. Wir gingen in das bekannte „Parkhotel“ und stellten fest, dass man sich hier anstellt, um einen Platz zu bekommen. Vor uns standen schon ca. 15 Personen, und nach 30 Minuten bekamen wir einen Platz zugewiesen. Der Speiseraum hatte ein westliches Niveau: Mahagonifarbene Holztäfelung, weiße Tischdecken, Lampen aus Rohr geflochten und eine propere Bedienung, die mit schwarzen Röcken, weißen Blusen und roten Westen gepflegt wirkten. Die Speisekarte weist Standard-Gerichte auf, die unterteilt sind in Suppen, Fertiggerichte, Grill- und Bratgerichte, wie z.B. Kaninchenbraten mit Beilagen, Rouladen, Schnitzel usw. Preise bewegen sich zwischen 5,25 – 7,80, ein einzelnes Menü mit Suppe kostete 12,80 einschließlich Nachtisch. Die Menschen sind ruhig, die Unterhaltungen schleppend, und ein Gespräch mit anderen Gästen kam nicht in Fluss. Anschließend machten wir einen Bummel durch die Stadt und liefen trotz leichtem Regen durch die Karlstraße, eine Fußgängerzone. Die Häuser sind – mit wenigen Ausnahmen – an der Fassade verfallen, haben seit über 40 Jahren keinen Anstrich gesehen, und die Regenrinnen sind undicht, so dass man ab und zu eine Dusche bekam. In der anschließenden Georgstraße sieht es noch trauriger aus. Alles grau in grau und vieles regelrecht verfallen. Auf Hinweis der Pfarrersfrau besuchten wir die Georgskirche, die leider nur von einem Vorraum aus zu besichtigen war. Die Lutherstraße und das renovierte Lutherhaus waren unsere nächsten Ziele. Das Haus war 1944 durch Bomben zerstört worden. Später wurde es wieder aufgebaut und enthielt bis 1954 in den unteren Räumen eine Gastwirtschaft, in der zwei Ölbilder von Luther aus dem 19. Jahrhundert hingen. Nach gründlicher Renovierung in den 60er Jahren hat es seine jetzige Gestaltung erhalten, ein Fachwerkbau, der bis zum 3. Stock mit Erinnerungsgegenständen an Martin Luther ausgestattet ist. Es ist sehr gepflegt und sehenswert. Wenige hundert Meter weiter kamen wir zu dem Platz mit dem Denkmal von Johann Sebastian Bach und dem renovierten Bachhaus, das als Museum eingerichtet ist. Wir sahen u.a. Räumlichkeiten um das Jahr 1700, wie Küche, Schlafgemach und Wohnräume mit entsprechenden Gegenständen, die alle Bezug zu Bach und der damaligen Zeit haben. Zum Abschluss kamen wir in ein Musikzimmer, das 80 Personen aufnehmen kann. Hier wurden wir von einer jungen Frau in die Musikwelt Bachs eingeführt. Wir waren in dem Raum nur 5 Personen, unter anderen ein Japaner. Wir gingen, da es wieder stärker zu regnen anfing, zur Karlstraße, um einen Kaffee zu uns zu nehmen. Ein Unterhaltungs- und Tanzcafé bot sich an, aber es war gegen 16 Uhr so voll, dass die Leute trotz Regenwetters und ziemlich kühler Luft unter einer Markise vor dem Café saßen und sich erfrischten. Die andere Alternative war das Café „Zentral“, das Parterre und im ersten Stock Räumlichkeiten aufweist, die voll gestopft mit Menschen waren. Trotzdem gelang es uns, einen Platz zu ergattern, und wir tranken zwei Tassen Kaffee, die zusammen 1,88 Mark kosteten. Am Kuchenbuffet hing eine Auszeichnung für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der Gastronomie. Es waren überwiegend junge Leute im Lokal, die einen gepflegten Eindruck machten und sich leise unterhielten. Auch hier war ein Gespräch mit anderen Gästen nicht möglich. Bei dem anschließenden Bummel durch die Altstadt sahen wir verschiedene Geschäfte, aber die Auslagen in den Schaufenstern waren mit Ausnahme der Bäcker- und Konditoreien ärmlich und entsprachen so der Zeit bei uns um 1949/50. Zwei Möbelgeschäfte boten Möbel an, die sich bei uns niemand mehr vorstellen kann. In einem Schmuckgeschäft waren viele Ringe, Broschen und sonstige Schmuckstücke ausgestellt, die aber nur im Tausch gegen Altgold oder Altsilber zu haben waren. So war es bei uns vor der Währungsreform 1948. Inzwischen war es 16.30 Uhr, und wir machten uns auf den Weg zum Bahnhof. 16.40 Uhr fuhr der Bus, und wir beide waren die einzigen Benutzer bis zum Kontrollpunkt Wartha. Wir wurden wieder kontrolliert, mussten unsere Pässe abgeben und sollten die ausgeführten Gegenstände und Zahlungsmittel angeben, die wir jetzt noch hatten. Wir hatten nichts ausgefüllt und erklärten, dass wir nichts gekauft hätten. Mit einer Rüge über diese Unterlassung kamen wir davon. 30 Minuten später kamen wir am deutschen Zoll an, nachdem wir am Kontrollpunkt Wartha in einen Bundesbahnbus umgestiegen waren. Zuvor wurde mittels eines fahrbaren Spiegels die Unterseite der westdeutschen Busse kontrolliert, ebenfalls mussten die Gepäckräumlichkeiten geöffnet werden. Alles, um eine eventuelle Flucht eines DDR-Bürgers zu unterbinden. Die Abfertigungen durch die ostdeutschen Grenzorgane waren korrekt, aber sie dauerten ihre Zeit. Der Busfahrer sagte uns, dass sie bei Unregelmäßigkeiten verpflichtet sind, der Bundesregierung in Bonn Meldung zu machen. Da der kleine Grenzverkehr von Bonn mit Zuschüssen bedacht ist, scheint man bemüht, die Devisenquelle nicht versiegen zu lassen. In Herleshausen auf dem Parkplatz stand unser PKW, mit dem wir dann über das Ulfetal nach einer halbstündigen Fahrt unseren Heimatort Eschwege wohlbehalten erreichten. Nach über 40 Jahren hatten wir erstmalig einen kurzen Einblick in einen Staat erhalten, der durch einen verlorenen Krieg entstanden ist, und vor Augen führt, dass der Einflussbereich des Kommunismus bis zur Werra und Elbe reicht. Ich persönlich glaube nicht, dass jemals wieder ein vereinigtes freies Deutschland geschaffen werden kann. Der jetzige Staatsratsvorsitzende der DDR, Erich Honecker, hat einmal gesagt, dass ebenso wenig wie Feuer und Wasser zusammenkommen, ein geeintes freies Deutschland entstehen wird. Die junge Generation der DDR, die nach 1945 geboren ist, kennt nur die Entwicklung ihres eigenen Landes, hat nur die Möglichkeit, durch Anpassung beruflich weiterzukommen, und ich persönlich habe die Erfahrung gemacht, dass man gar nicht interessiert ist, westliche Kontakte zu knüpfen, da dies zu Nachteilen in der beruflichen Entwicklung führen kann. Durch Westfernsehen, das viele ja in den Grenzgebieten sehen können, machen sie sich ein Bild von unserer Welt, das auch nur bedingt richtig ist. Der Tag war für uns beide nicht nur informativ, er hat uns auch gezeigt, dass die Welt in zwei große Machtblöcke aufgeteilt ist, deren Grenzen geographischer Art nur durch einen Krieg zu ändern sind, der dann Mitteleuropa in eine Wüste verwandeln würde. Hoffen wir, dass es niemals eintritt.
|
|||
|
|
|||
| Zurück zu: - Reisen |
|||