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Ein Morgenspaziergang nach Treffurt/DDR |
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Eschwege, am 4. Januar 1990 |
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Kurz nach 7.00 Uhr klingelt der Wecker und es heißt aufstehen, damit gegen 8.00 Uhr Anwendungen beim Orthopädiearzt genommen werden können. Gegen 8.30 Uhr ist alles erledigt und es gilt, den Vormittag zu gestalten. Der Himmel sieht nicht verlockend aus, ein milchiges Grau ist zu sehen und es weht ein schwacher Ostwind. Also, was ist zu machen? Zunächst fahre ich an den Schlierbach und gehe einige Minuten Richtung Rosenthal, aber es ist unnatürlich ruhig, kein Vogel lässt sich hören, die Stille wird nur durch einige Autos unterbrochen, die stadteinwärts fahren. Ich breche ab und fahre Richtung Heldra. An der hessisch-thüringischen Grenze steht ein Container, der von BGS-Beamten besetzt ist, aber die keine Anstalten machen, sich den Ausweis zeigen zu lassen. Ich gehe weiter über den ersten Schutzzaun der DDR hinaus und sehe 30 Meter von der Straße abwärts im Feld eine Streife der Volkspolizei mit Maschinenpistolen, die ich frage, ob ich weiter in Richtung Treffurt gehen könne, was von ihnen bejaht wird. Die ehemalige Landstraße ist frisch mit Schotter belegt, die Chausseebäume – alte Obstbäume – sind unfachmännisch gefällt und liegen am Straßenrand. Die Stromleitungen und Stahltrossen liegen auf dem Gelände, sind von den Masten entfernt. Ich verstehe den Grund nicht. Links der Straße stehen unzählige kleine runde Scheinwerfer, die aber scheinbar nicht mehr benutzt werden, da dort ebenfalls die Leitungen auf dem Boden liegen. Der Blick rechts geht über größere Feldflächen, die mit Getreidesaat bestellt sind. Nach ca. 1,5 km beginnt der Ortsrand von Treffurt mit Mehrfamilienhäusern, die vermutlich für Bedienstete der Öffentlichen Streitkräfte und Verwaltungen bestimmt sind. Links oben befinden sich große Felswände, die Treffurter Klippen. Rechts der Straße sieht man kleine Einfamilienhäuser, die einen gepflegten Eindruck machen. Kurz vor dem Ortsbeginn steht ein Container, der mit Zoll- und Militärpersonal besetzt ist. Ich zeige meinen Reisepass und fülle eine Karte mit den Personalien aus. Ein freundlicher Leutnant wünscht mir einen guten Tag und macht den Vorschlag, in T. essen zu gehen. Je näher man dem Ortskern kommt, um so größer werden die Häuser und Fabriken. „Ausbildungszentrum für Tabakfacharbeiter“ kann ich an einem lesen, und die ehemalige große Beschriftung „Bruns Zigarrenfabrik“ ist kaum noch zu sehen. Kinder kommen aus den Schulen, und ich frage nach dem Weg nach Normannstein, einer alten Burg, die zu einem Jugendzentrum und einer Gaststätte umfunktioniert wurde, aber heute geschlossen ist. Inzwischen bin ich im Kern der kleinen Stadt mit ca. 3.500 Einwohnern angelangt und nähere mich dem Marktplatz, auf dem das Rathaus mit einem großen Holzturm steht. Ich finde einen Konsum-Laden, ein Spielwarengeschäft und einen Delikat-Laden, der besonders hochwertige Waren aus der Lebensmittelbranche enthält. An einer Ecke sehe ich ein Café sowie ein Hotel, aber beide sind geschlossen, es sind alles staatseigene Betriebe. Ich finde an einer Ecke zwei Männer stehen, die in angeregtem Gespräch sind und mir auf meine Fragen gerne Auskunft geben. Einer der Männer verabschiedet sich, da er arbeiten muss, während der andere, den ich ins Café eingeladen habe, was er aber nicht annehmen kann, da dieses ja geschlossen ist, mit einer Einladung in sein Haus antwortet. Das Häuschen steht in der Nähe des Rathauses und ist sehr gepflegt. Es ist aus dem 18. Jahrhundert und mit einer zentralen Kachelofenheizung versehen. Wir begeben uns ins Wohnzimmer, und die Dame des Hauses bringt Kaffee und Plätzchen und zieht sich wieder zurück. Die Möbel entsprechen dem unsrigen Standard der 50er Jahre und umfassen unter anderem einen Bücherschrank, der gut gefüllt ist. Beim weiteren Gespräch stellt sich heraus, dass Herr H. 1945 im Gesundheitsdienst als Krankenwagenfahrer tätig war, nur noch eine Niere hat und ein Karzinom aufweist, er aber guten Mutes ist und sehr positiv zum Leben steht. Seine Frau, 62 Jahre alt, Sudetenländerin und Säuglingsschwester in einer Kinderkrippe, hat ihm zwei Jungen geschenkt, von denen der eine Diplom-Mathematiker in Erfurt ist und der andere in Eisenach wohnt und arbeitet. Wir kommen auf die Politik zu sprechen, und ich entnehme seinen Bemerkungen, dass man über die Enthüllungen der SED-Funktionäre und deren Schmarotzertum sehr enttäuscht ist. Er glaubt – wie ich – dass eine Wiedervereinigung in absehbarer Zeit nicht das Beste wäre, dass aber ein demokratischer Sozialismus und selbständiger Staat seiner Meinung nach anzustreben sind. Er zeigt mir Bilder aus der Tätigkeit seiner Frau als Kinderkrippenleiterin und von sich selbst als Fahrer eines Krankenwagens, den er aus einem alten Mercedes der Wehrmacht wieder hergerichtet hat. Er hat viele Verwandte in der Bundesrepublik und bekommt täglich die Werra-Rundschau aus Eschwege. Er ist über alles Regionale informiert und macht einen aufgeschlossenen Eindruck. Weiß über die Unterschiede in dem Sozialversicherungswesen und Steuerwesen bestens bescheid und zeigt die Vor- und Nachteile beider Systeme auf. Es macht Spaß, mit ihm zu reden, und die Zeit vergeht wie im Fluge. Ich muss mich verabschieden und bedanke mich für seine Gastfreundschaft. Beim Hinausgehen schenkt er mir noch ein Büchlein mit dem Titel „Wissenschaft im Zitat“. Ich bin angenehm überrascht und verspreche, dass ich mich bei einem weiteren Besuch revanchieren werde. Inzwischen versucht die Sonne sich durch die Wolken zu quälen, und der Rückweg wird in schnellem Schritt gemacht, damit ich pünktlich zum Mittagessen wieder zu Hause bin. Am Ortsrand steht ein Kleinbus einer VEB Erfurt, dessen Fahrer mich fragt, wie weit es nach Heldra ist. Er will dort für seine Mutter, die im Krankenhaus liegt, eine Dose Penatencreme kaufen, da es die in Erfurt nicht gibt, und die Mutter sich wund gelegen hat. Ein typisches Beispiel, das zeigt, dass es gewisse Sachen in ähnlicher Form und Qualität dort nicht gibt. Am Kontrollcontainer der DDR angekommen, gebe ich meine Kontrollkarte ab, und man blickt nochmals in den Pass. Dort sind inzwischen verschiedene Westdeutsche, die auch nach Treffurt wollen, und eine junge Frau aus Kanada, die aber bezahlen muss. Wofür weiß ich nicht. Zwangsumtausch oder so vermute ich. Ich gehe weiter und bin in 15 Minuten am westdeutschen Kontrollpunkt, deren Beamte des BGS aber keine Notiz von meiner Person nehmen. So bin ich schnell am Wagen und in weiteren 10 Minuten in meiner Wohnung, wo schon das Mittagessen auf dem Tisch steht. Wenige Stunden sind vergangen, aber es wurden zwei Welten berührt, ein Ereignis, das vor dem 9. November 1989 nicht möglich gewesen wäre. Wie wird es in einem Jahr sein?
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