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Ingrid König

Der Klarinettenkasten

Kein Quicktime installiert.

Ingrid König: "Also, mit dem Eintritt in das Rentenalter meiner Eltern begannen eigentlich die Besuchsreisen in denen verschiedene Erbstücke transportiert wurden beziehungsweise gegen die Regeln und gegen die Abmachungen mitgenommen wurden verbotenerweise, unter anderem Kristall, Porzellan und Silber. Und die Klarinette als solche hatte meine Mutter als letztes Stück nach drüben gebracht. Und verblieben war eigentlich zu Hause nur noch der Klarinettenkasten. Und bei einer der Besuchsreisen im Kleinen Grenzverkehr erinnerte meine Mutter daran meinen Bruder, er möchte doch nun endlich auch mal den Klarinettenkasten mitnehmen. Er tat es daraufhin auch. Nichts ahnend legte er den Klarinettenkasten vor seiner Abreise bei uns in das Heckfenster im Mercedes und begab sich dann gegen 23.00 Uhr an die Grenze in Wartha.

Die Passkontrolle verlief ganz normal, bloß dann wurde der Zoll hinzu geholt. Und das waren dann schon fünf Beamte, die sich den Wagen anschauten und unter anderem fragten, was er denn da hinten im Heckfenster hätte. Und da hat mein Bruder gesagt: 'Ein ganz simpler Klarinettenkasten.' Und damit hat man sich nicht zufrieden gegeben. Sie mussten alles auspacken, auf die Ablage legen. Es wurde alles durchsucht. Sie fanden keine Klarinette. Auch ein Spiegelfahrzeug wurde unter das Auto geschoben. Das Ergebnis blieb auch ohne. Und mein Bruder war sehr echauffiert, nachdem ein Beamter zu ihm gesagt hatte: 'Herr König, sie können sicher sein, da wo ein Klarinettenkasten ist, da finden wir auch noch eine Klarinette heute dazu bei ihnen!'

Ingrid König (rechts) mit Bruder Lothar und
Schwägerin Gertrud

Und die mussten dann daraufhin die Seitenverkleidung abbauen. Und auch da befand sich keine Klarinette. Und meine Schwägerin war auch sehr unruhig, weil sie hatte einer Plauener Spitzendecke mitgenommen, die ihr sehr gut gefiel. Und daran zog man sich jetzt hoch und versuchte noch mal das Handgepäck zu durchsuchen. Und an dieser Tischdecke wurde eben alles angebunden: dass Plauener Spitze ausfuhrverboten sei. Und meine Schwägerin in ihrer Aufregung und ganz echauffiert, dass sie nun Zoll bezahlen müssten oder dass sie ihr weggenommen werden könnte, nahm dann den Klarinettenkasten und warf den hinter einem Beamten her. Gott sei Dank hat sie ihn nicht getroffen! Aber durch ihr hysterisches Schreien ist dann ein anderer Beamter aufmerksam geworden und kam dann aus dem Gebäude und sagte: 'Was machste da für'n Scheiß!' Und kam dann hin und guckte sich das Ganze an und sagte: 'Packen 'se wieder ein und fahren 'se weiter!'

Also, eine halbe Woche später kam dann ein Freund meines Bruders auf ihn zu, der in Bad Langensalza eine Schwester hatte. Und die hatten wohl ein Haus umgebaut und brauchten Elektrokabel, Schalter und Steckdosen usw. Nur er hatte seinen eigenen Wagen nicht zur Verfügung, konnte aber auch einen anderen nicht bitten, weil im Kleinen Grenzverkehr war ja immer die Autonummer angegeben und das Fahrzeug. Und da mein Bruder noch einen gültigen Schein hatte, konnte er ihn dann auch transportieren. Und da haben die dann bis zum Sonnabend gewartet. Mein Bruder hatte aber aufgrund seiner beruflichen Tätigkeit keine Zeit, die Seitenteile einzubauen. Und da hat wohl sein Freund noch so spottend gesagt: 'Mensch, lass 'se drinne stehen! Wenn 'se uns wieder kontrollieren, dass wir nicht noch mal die Arbeit haben!'

Und siehe da, sie fahren in Richtung Grenze Wartha wieder, werden kontrolliert, Passkontrolle. Dann kommt der Zoll. Und der Zoll hat dann erst bemerkt, dass die Seitenteile fehlen. Und das war auch das Interessante: dadurch waren die so abgelenkt, dass die gar nicht verlangten, den Kofferraum zu öffnen, was ja Routine war. Es wurde jedes mal ... der Kofferraum musste geöffnet werden. Und das hatte dann so ein Nachspiel, dass sie gar keine Zeit fanden oder nicht ihrer Routinearbeit nachgingen. Sie hatten sich an diesen Seitenteilen festgehalten. Und dann hat wohl der eine gesagt: ‘Was soll das denn? Was haben sie denn hier vor mit ihren ausgebauten Seitenteilen?’ Da hat mein Bruder gesagt: 'Ach, ich hab eigentlich nichts geplant. Ich suche nur den von ihren Kollegen hier, der mich veranlasst hat, diese Seitenteile auszubauen vor einer halben Woche.' Und da rief dann der andere: 'Ach, sie sind der mit dem Klarinettenkasten!' Und damit war die Sache abgetan, und sie wurden unkontrolliert weitergeleitet."

Ein Film von Steffen Ackermann und Martin Norwig
Mitarbeit: Alex Raiber und Arne Siebling
© 2001
 
 
 
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