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Familie Mosebach |
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1974 von ihrem Hof deportiert |
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| Es gab 1952 etwa eine große Aktion
die sog. Aktion Ungeziefer wo Hunderte und Tausende von Leuten aus dem Grenzgebiet
ausgesiedelt worden und 1961 die Aktion Kornblume und Ende der 60er Anfang
der 70er Jahre waren es, das ging bis Mitte der 80er Jahre, waren das immer
noch Einzelaktionen wo einzelne Höfe geräumt wurden. Diese Aktion wurde
auf einen Befehl des Ministers durchgeführt, aber einen Codenamen, denk
ich mal, gab es dafür nicht. In diesen Räumungsbefehlen, also wir haben
dann versucht Unterlagen zu bekommen und Archive durchzuforsten, ob nun
in Suhl oder in Weimar, und da steht, in diesen Befehlen steht, dass sagen
wir mal SS-Verbrecher und asoziale Elemente und solche Personen geräumt
werden sollten, und aus dieser Sache heraus, dass wir geräumt wurden, muss
ich annehmen, dass wir damals asoziale Elemente waren, obwohl man das natürlich
nicht verstehen kann. Der Großteil der Bevölkerung ist uns zumindest in den ersten vier, sechs, acht Wochen erst mal aus dem Weg gegangen, denn wir wurden hier zwangsausgesiedelt und das war, ich sag mal, schon ein Fakt, den die Leute nicht verstanden haben, die haben gesagt, vielleicht auch die Information gestreut, also die müssen was gemacht haben, sonst wäre denen ja nichts passiert. Das war eigentlich der Grundtenor der Bevölkerung und die ich sag jetzt irgend wo ausgesiedelt wurden oder wie auch immer wurden dann immer als Staatsverbrecher Nummer eins hingestellt und natürlich hat dieser und jener Angst gehabt mit uns zu sprechen oder zu uns zu kommen, weil sie gedacht haben "oh, dann haben die mit denen Verbindung und wer weiß, was da passiert und was die gemacht haben, also, es hat doch schon große Skepsis geherrscht in der Bevölkerung von Vacha, denn wie gesagt, die meisten Leute waren der Ansicht, also, wenn die nichts gemacht haben oder wenn die nichts gemacht hätten, wäre denen auch nichts passiert, dann hätten die ja da hinten wohnen können, also haben, die müssen was gemacht haben, sonst wären die nicht ausgesiedelt worden.
in Null Komma Nichts den Hof geräumt. Erst hat man uns
angekündigt, dass von früh um neun bis 17 Uhr alles rausgeräumt sein sollte,
und da hat mein Vater gesagt, man kann an einem Tag vielleicht eine Wohnung
ausräumen, aber nie einen Bauernhof, und so wurden, konnten wir am ersten
Tag noch mal rein aber die anderen Tage auch nicht mehr, dann wurde hier
an der Stelle, wo wir jetzt stehen, wurde ein Soldat mit Maschinengewehr
im Anschlag postiert, und die Kampfgruppen haben dann im Prinzip unsere
Sachen herausgebracht, haben uns ein Teil gebracht, der Rest wurde dann
auf einen Haufen gekippt, und nachdem alles oder das Gröbste geräumt war,
wurde dann der ganze Hof gesprengt, und hier oben hinter der Bahnschiene
war von Kali und Salz ein ehemaliges Bohrloch, also, die haben dort Grundbohrungen
gemacht, und dort wurde alles versengt. Man kann dort noch darüber laufen,
man sieht da verschiedene Betonteile noch oder auch wenn wir hier übers
Feld laufen würden, sehen wir noch Pflastersteine vom Hof oder Ziegelsteine
oder Putzstücken von Wänden, also man, da ich hier fast 20 Jahre gelebt
habe, kann ich das noch alles identifizieren und kann sagen, das ist davon,
das ist davon, also, es sind schon traurige Erinnerungen.
Wir wussten von überhaupt nichts, es war, es wurden in
den 50er 60er Jahren hier im großem Maße Höfe geräumt und dann in den
70er Jahren noch vereinzelt. Und mehr oder weniger ein halbes oder dreiviertel
Jahr vor uns wurde ein Hof hier unten an der Werrabrücke geräumt, und
wir haben da noch nachgefragt was ist? "Nein, um Gottes Willen und
ihr Hof, der liegt so weit ab und außerhalb und da besteht überhaupt keine
Gefahr." Also wir hatten wirklich von nichts eine Ahnung, dann standen
früh, wie ich gesagt habe, wir sind im Prinzip normal an die Arbeit oder
in die Schule gegangen und wurden dann abgeholt. Mein Vater und mein Großvater
im Prinzip aufs Rathaus, die kamen gar nicht noch mal zurück in Hof. Wir
sind zurück gekommen und konnten, oder die Frauen, meine Mutter, meine
Großmutter, die konnten, sag ich mal, die paar Habseeligkeiten wie auch
immer zusammensuchen und dann begann nach fünf bis zehn Minuten begannen
die Kampftruppen im Prinzip das Haus zu räumen. Das heißt, die haben,
denen wurde vielleicht gesagt, dass wir, ich weiß es nicht, Staatsverbrecher
Nummer eins waren oder wie auch immer, auf alle Fälle wurde, denk ich
mal, dieses Gerücht gestreut, und die haben die Möbelstücke angekippt
haben, die die Treppe runter rutschen lassen, nächste Treppe runter rutschen
lassen - auf den LKW geschmissen und, ich sag mal, hier in Vacha auf einem
Platz wo vorher eine Scheune abgerissen worden war abgekippt. Also, letztendlich
hatten die gar kein Interesse daran, da irgendwas vernünftig heraus zu
tragen oder, unser Eigentum da irgendwo vernünftig zu behandeln, das wurde
alles wie Nichts behandelt. Und ja ich sag mal, in zwei, drei Stunden
war das Wohnhaus geräumt und wollte man unsre Viehbestände, die damals
Kühe, Schafe, Schweine, Enten, Hühner, Bienen umfassten, im Prinzip beschlagnahmen,
weil sie angenommen haben, dass wir das in der neuen Wohnung, wo wir hin
sollten, sowie so nicht unterbekommen, aber in dem, aus dem Bauernhof
wo mein Vater heraus stammt, der war leer und da haben wir in Null Komma
Nichts ein bisschen freie Fläche geschaffen und haben dort das Gröbste
unserer großen Tiere mitgenommen, aber alles, ich sag mal, was Federvieh,
Bienen und so was, das haben alles die Kampftruppen sich unter den Nagel
gerissen, also die unsern Hof geräumt haben, die haben - das eingesackt.
(Kampfgruppen) - Das waren paramilitärische Ausbildungen,
die eigentlich in jedem größeren Betrieb der DDR durchgeführt wurden.
Das heißt, dass die Personen, die ihre Armeezeit absolviert hatten und
die sich natürlich auch dazu bereit erklärt hatten, das muss man dazu
auch sagen, wurden dann eins, zwei, drei Mal im Jahr, sagen wir mal, zu
militärischer Ausbildung herangezogen. Und die hatten dann auch so ne
grüne Uniform und standen unter Befehlsgewalt, und die wurden dann von
den Betrieben für diese Aktionen freigestellt. Ich denke mal, dass sie
im Vorfeld auch nicht wussten, was sie machen sollten, sondern das die
gesagt haben, wir machen eine dreitägige Übung, so ungefähr könnte ich
mir das vorstellen, und dann mussten die eben Frühs um sechse stehen,
und dann haben sie die hierher gefahren und die mussten dann den Hof aufräumen,
weil ich denke mal, kein anderer das gemacht hätte. Ja, was fühl ich heute, das Gefühl ist eigentlich schon
immer da gewesen und wird es auch weiterhin bleiben, es ist eine schreiende
Ungerechtigkeit, was hier stattgefunden hat. Und wir, also meiner Familie
wurde die Existenz entzogen, nicht nur materiell, es ist ja auch irgendwo
eine Schranke im Kopf, wo man sagt, das kann's eigentlich nicht geben,
das kann eigentlich nicht sein, die immer da geblieben ist, und wir sind
von der Stunde an mit allem, was irgendwo passiert, mit großer Skepsis
rangegangen. Das heißt, wir haben das ganze Leben na ja doch mit Vorsicht
genossen, dann also alles, alle weiteren Gänge oder alle, jeder, der kam,
alles gesagt, erst mal abwarten, erst mal sehen, was hier passiert. Warum
wurde unser Haus eingerissen, das hat uns zu früheren DDR-Zeiten nie jemand
sagen können, und eigentlich ist die Frage bis heute, 27 Jahre nach dem
Abriss, noch offen, also auch die Bundesdeutschen Behörden, von denen
wir uns eigentlich Aufklärung und vor allem auch Unterstützung erhofft
haben, sind da sehr zugeknöpft. Ich denke mal, persönlich vermute ich
mal, dass es da ums Geld geht, dass da irgendeiner Angst hat, was zuzugeben
oder was zu machen, um dann irgendwelche, sag ich mal, Schadensersatzansprüche
oder irgendwas bezahlen zu müssen, da es ja sehr viele Leute betrifft,
die an der ehemaligen Grenze gewohnt haben. Also auch heute, 27 Jahre
nach dem Abriss, ist diese Antwort immer noch offen. Ich vermute mal,
dass es um ein freies Schussfeld oder Sichtfeld in Richtung Westgrenze
ging, aber das ist eben nur eine Vermutung, die wahren Gründe hat uns
bis heute noch keiner nennen können. Es gab damals, wie es heute im Bundestag
den Petitionsausschuss gibt, gab es einen Beschwerdeausschuss, den nannte,
da wurden so genannte Eingaben gemacht, wenn das und das und das, und
da haben wir hin geschrieben, sind aber überall nur mit lapidaren Antworten
abgespeist worden, also nie irgendein ... und wie man das heute, dieses
Rechtssystem oder rechtsstaatliche System, wie in der Bundesrepublik,
gab es ja zu DDR-Zeiten nicht. Das heißt, die sehr sehr wenigen Anwälte,
die es zu DDR-Zeiten gab, waren eh politisch beeinflusst, das heißt, die
hätten nie und nimmer ein Verfahren gegen den Staat angestrebt, da wären
sie über Nacht ihren Job los gewesen, also eine Klage dagegen einzureichen,
war zu DDR-Zeiten überhaupt nicht möglich, ganz eindeutig. Es gab keine
Möglichkeit des Widerstandes und des Widerspruchs. Jeder Versuch dagegen
hätte weitere Repressalien zur Folge gehabt, also, ich sag mal, bis zu
Inhaftierung, und was in diesen Straflagern los war, wussten wir durch,
ich sag mal, unter der Hand erzählen und ist jetzt durch Funk und Fernsehen,
die dort gedreht haben oder durch Augenzeugenberichte oder durch Insassenberichte,
ja klar, also die haben, der Staat hat alle Repressalien angewandt, um
das durchzusetzten. Also die Entschädigung sah so vor, dass der Kubikmeter
umbauter Raum für Scheune und Stallungen eine Mark und der Kubikmeter
umbauter Raum fürs Wohnhaus haben wir zwei Mark bekommen. Ich hab mich
dann mal mit einem Gutachter, der selber einen Baubetrieb hat und Gutachten
macht, der sagt, ein Kubikmeter umbauter Raum kostet heute etwa 550 Mark,
so dass man das Verhältnis von Entschädigung zu Wertverlust abschätzen
kann, also Scheune, Stallung Kubikmeter eine Mark für das andere zwei
Mark, für das Geld könnte man heute nicht mal eine vernünftige Garage
bauen.
Auf dem Platz, der hier drüben so schön zurechtgemacht
ist, das war der Abrissplatz einer Scheune, die mal zu diesem Haus gehört
hat, und dort wurden die Möbel mehr oder weniger abgekippt, und die Verwanden
haben uns dann geholfen, sie reinzutragen. In dieser, mit dieser kleinen
Wohnung mussten wir im ersten Moment erst einmal klar kommen, das war
eine Reduzierung, sagen wir mal, von der Hoffläche, die über vier Hektar
betragen hat, also 40.000 Quadratmeter, auf vielleicht etwa 40 Quadratmeter
Wohnfläche, wobei man noch sagen muss, dass in den anderen Räumen des
Hauses noch andere Mieter gewohnt haben. Wir wurden dann Mieter der Stadt
Vacha hier und wir nur eine kleine Toilette im Flur hatten, die eigentlich
für alle Mieter zu gleich zu Verfügung stand und wir haben dann, wenn
wir das Stadttor hier unten sehen, da war an dieser Stelle früher ein
Schlagbaum, und da war eigentlich der Aktionsraum der Vachaer Bürger zu
Ende, denn dahinter standen die Grenztruppen, und von hier her sind es
vielleicht 60, 70 Meter vielleicht auch 80 Meter, und vorher haben wir
doch einige 100 Meter von der Grenze weg gewohnt. Also, es ist mit dem
normalen Menschenverstand nicht erklärbar.
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