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Sprecher: Das hessische Dörfchen Aue-Wanfried bei Eschwege.
Von hier aus sind es bis zur thüringischen Landesgrenze nur wenige hundert
Meter. Viele Familien aus dieser Region wurden durch den Bau der Mauer
auseinandergerissen. Erst durch die Einführung des Kleinen Grenzverkehrs
war wieder ein regelmäßiger Kontakt möglich.
Wir treffen Wally und August Müller. Das Ehepaar lebt hier seit seiner
Heirat in 1949. Auch die Müllers nutzten häufig die neuen
Reisemöglichkeiten. In den ersten Jahren hing dies jedoch ganz direkt von
ihrer finanziellen Situation ab. Mit dem Auto oder per Bahn unternahmen
sie dann zum Beispiel Fahrten nach Erfurt zu Frau Müllers Schwester.
Müllers schildern uns eine besondere Begebenheit auf einer Rückreise aus
Erfurt, wo sie anlässlich der Jugendweihe einer Nichte eingeladen waren.
August Müller: „Ich weiß es noch ganz genau. Da wurde es Nachmittag, und
da hab ich gesagt: 'Mensch, wir müssen sehen, dass wir heimkommen.' Denn
wenn es da drüben Nacht wird, dann ist es Nacht. Da war es ja nicht so wie
hier, dass überall Beleuchtung ist. Das gab es ja da gar nicht. Das war ja
überall duster dann. Und da sind wir hier ... Wo wir eingepackt haben,
spricht mein Schwager: 'Du lieber Gott, was soll ich denn mit dem ganzen
Zeug machen? Das wird mir doch alles schlecht. Das schmeiß ich doch alles
weg. Nehmt mit was ihr könnt.' Sag ich: 'Ja, du hast gut reden. Und an der
Grenze? Da schicken sie mich wieder zurück.'
Und richtig, es war so: wir sind losgefahren, wir kommen nach Wartha,
stockfinster und Nacht. Da hab ich keine Hand vor Augen gesehen. [...] Da
sind wir so einem Kasper da in die Hände gefallen. Der hat gesprochen:
'Was haben sie denn da drin? Was haben sie da? Das können sie nicht
mitnehmen, das müssen sie alles wieder zurückbringen und müssen eine Bescheinigung mitbringen, dass sie es abgeliefert haben.' Und da hab ich
noch zu ihm gesagt: 'Sie erwarten doch nicht, dass ich jetzt noch mal von
hier bis nach Erfurt fahre bloß wegen dem Fressen und da den Weg noch mal
mache.' Ich sage: 'Das können sie nicht erwarten.'
Und da bin ich auf den Gedanken gekommen ... Da kannte ich jemanden in
Eisenach. Sag ich zu ihr: 'Da fahren wir hin, geben denen ihr Zeug, da
sollen sie ein kleines Zettelchen schreiben. Was sie für einen Namen drunterschreiben, dass interessiert uns nicht,
Hauptsache wir haben einen
Zettel.' Und wir kommen dahin: alles ausgeflogen, keiner daheim. Und da ist
uns zufällig ein Pärchen in die Quere gelaufen. Wo die gewohnt haben, ich
weiß es nicht. Jedenfalls haben wir gebittet und gebettelt: 'Hier, nehmt
das Zeug, schreibt uns einen kleinen Zettel, damit wir das Zeug los sind
und das wir was in Händen haben.' Ja, das haben sie dann ja auch gemacht.
Was sie für einen Namen ... das interessierte mich nicht mehr. [...] Wir
haben ihnen auch zwanzig Mark gegeben, damit sie es überhaupt genommen
haben. Was sollten wir machen mit dem Zeug. Wir konnten es doch nicht
einfach wegschmeißen, und dann hatten wir keine Bescheinigung.
Und dann sind wir wieder zurückgekommen nach Wartha. In der Zeit hatten
die Schichtwechsel. Natürlich, sie wissen ja wie das geht. Der eine so,
der andere so. Und da spricht der: 'Wie denn, was ist denn das?' – 'Ja',
sag ich, 'ihr Kollege hat uns zurückgeschickt. Wir mussten das Zeug
zurückbringen. Wir mussten eine Bescheinigung bringen, dass wir es wieder
abgeliefert haben.' Der hat natürlich wieder mit dem Kopf geschüttelt:
'Warum denn das?' – 'Ja', sag ich, 'das müssen sie ihren Kollegen fragen.'
Wally Müller: "Sind schon ... Wer das alles nicht mitgemacht hat, der kann
das nicht ... der kann das gar nicht so, nee ... also, der kann's wirklich
nicht ... wie wir das manchmal mitgemacht haben, dass ich gedacht hab:
'Darfst sie doch nicht mehr alle haben!'"
Ein Film von Martin
Norwig
Mitarbeit: Steffen Ackermann
© 2001
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