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Pfarrer Friedrich Werner

Die Gemeindepartnerschaft

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Sprecher: Felsberg, eine Kleinstadt südlich von Kassel. Im Zentrum des romantischen Fachwerkortes liegt die 700 Jahre alte Nikolaikirche. Pfarrer der Gemeinde ist Friedrich Werner. In den 70er Jahren entwickelte sich zwischen seiner Gemeinde und dem thüringischen Dingelstädt eine intensive deutsch-deutsche Beziehung. Doch ursprünglich war von offizieller Kirchenseite eine ganz andere Partnergemeinde im weit entfernten Brandenburg vorgesehen.

Pfarrer Friedrich Werner (Felsberg): ... Dem fügte ich mich damals nicht und machte einen Besuch in meiner alten Heimatstadt Halle an der Saale, besuchte einen Verwandten, von dem ich wusste, dass er als Kirchenvorstandsmitglied kirchlich engagiert war, und den hab ich schlicht und einfach gefragt: 'Kannst du mir eine DDR-Gemeinde besorgen, die nach einem westlichen Kontakt sucht aber keinen hat?' Und der sagte mir: 'Das mach ich.' Und wenige Wochen später kam ein Brief: 'Dingelstädt könnte es sein. Die sind mit einer Gemeinde im Taunus verschwistert, aber es passiert nichts.' Und da hab ich die Telefonnummer des damaligen Pfarrers, Pfarrer Baumgarten, von unserem Verwandten erfahren und habe gefragt: 'Darf ich mal kommen?' Antwort telefonisch: 'Aber wenn sie können und möchten, morgen.' Und dann ging das ganz schnell.

Sprecher: Heute ist Günter Reichardt zu Besuch in Felsberg. Er ist Nachfolger des damaligen Dingelstädter Pfarrers. Seine Gemeinde wurde ab 1978 von den Felsbergern tatkräftig unterstützt.

Pfarrer Friedrich Werner (Felsberg): Der DDR mangelte es ja bekanntlich unglaublich nicht zuletzt an Baumaterialien. Und das eine Kirche hier und da renoviert werden durfte, wenn das die DDR nichts kostete, war den dortigen stellen keine Schwierigkeit. Wenn der Westen das bezahlte und das keinen ärgerlichen Anstoß gab, konnte das geregelt werden und zwar offiziell über das Diakonische Werk. Dann mussten Anträge gestellt werden, welche Baumaterialien nötig waren, wer sie bezahlte, natürlich von westlicher Seite, und dann durften entsprechende Fuhrunternehmen das Material rüberfahren.

Pfarrer Friedrich Werner

Pfarrer Günter Reichardt (Dingelstädt): ... Und das sah dann so aus: Ich bekam einen Anruf, und da meldete sich ein Fuhrunternehmen. Und wenige Zeit danach hat dieses Unternehmen ... stand es bei uns vor der Haustür. Und dann haben wir die Ziegel entladen mit ganz moderner Technik, so wie das euch heute so geläufig ist hier. Für uns war das was Spannendes. Allein das Gefährt und dann beladen mit den Ziegeln. Und als dann der Autokran ausschwenkte und die großen Paletten uns vor die Kirche setzte, da schlug mir jemand auf die Schulter – ich bin fast in die Knie gegangen – das war unser Hufschmied. Und der sagte: ‘Wissen sie, Herr Pfarrer, da vergehen noch mal vierzig Jahre bevor wir diese Technik haben, die die jetzt drüben schon in Betrieb gesetzt haben.

 

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Sprecher: Chronist der Ereignisse von damals ist Dietrich Bürger. Der ehemalige Lehrer an der Schule in Felsberg hat über die Gemeindeaktivitäten hinaus noch einen Kontakt auf ganz anderer Ebene aufgebaut.

Dietrich Bürger (Felsberg): Ja, wie kamen an die Grenze, hatten natürlich in unseren Formularen ausgegeben: 'Begegnung mit der Evangelischen Gemeinde Dingelstädt'. Aber ein Grenzbeamter wollte die Taschen kontrollieren. 'Machen sie doch mal diese Tasche auf!' Und das Gesicht war erstaunt als er Fußballschuhe sah. 'Was! Was wollen sie denn? Etwa Fußball spielen? Sie wissen doch, dass dies nur über Staatsvertrag erlaubt ist!' Und damit war eigentlich schon unser ganzes Vorhaben geplatzt. Wir waren noch nicht in Dingelstädt – von der Grenze Duderstadt, Worbis bis nach Dingelstädt ist eine halbe Stunde –, da war der Abschnittsbevollmächtigte, der Dorfpolizist, schon im Dorf rumgelaufen und hatte das Fußballspiel verboten. Und keiner von unseren Kontaktmännern aus der Mannschaft Helmsdorf bei Dingelstädt traute sich mehr gegen uns Fußball zu spielen. Selbst der Vereinswirt, wo wir hinterher feiern wollten, hat seine Fußballfete abgeblasen. Er hat auch Schiss bekommen! Und wir haben uns dann mit Wut gefügt. Und am meisten Wut hatten unsere Helmsdorfer Freunde. Wir haben ein Foto gemacht, angezogen im Tor auf dem Fußballplatz. Das war das einzige Dokument, was wir machen durften. Aber die ganze Geschichte ist dann mit einem Mal ganz, ganz positiv umgeschlagen. Der Pfarrer, Günter Reichardt, hat sofort reagiert. Er hat mit uns – in der Nähe vom Fußballplatz ist eine kleine Kapelle gewesen – einen Gottesdienst gemacht. Der ist so unter die Haut gegangen. So einen richtigen Protestgottesdienst. Für alle ganz bewegend.

 

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Sprecher: Die DDR gibt es heute nicht mehr. Seit 1989 können sich Deutsche aus Ost und West ungehindert besuchen und miteinander reden. Doch die Erinnerungen an den Tag der Grenzöffnung verblassen nicht.

Pfarrer Friedrich Werner (Felsberg): Ich bin an dem Tag der Grenzöffnung in den Kreis Eschwege gefahren, wo die Grenze ja gar nicht weit zu Dingelstädt war. In dem Zusammenhang kann ich auch erinnern, dass beim Kleinen Grenzverkehr es ja zusätzliche Grenzübergangsorte gab, mehr wie früher, aber trotzdem weit. Wir mussten von hier über Kassel, Göttingen, durch das westliche Eichsfeld, Duderstadt, Worbis fahren und wieder zurück nach Dingelstädt. Über Eschwege wäre das viel näher gewesen. Also ich habe die Grenzöffnung dort erlebt. Ich kann nur sagen, ich stand an der Grenze und hab geheult. Einfach die Öffnung zu erleben und mit den Grenzsoldaten zu sprechen, als wäre nie was gewesen.

Pfarrer Günter Reichardt (Dingelstädt): Ja, Erinnerungen an die Grenzöffnung. – Ich war in Berlin zu einem ganz traurigen Anlass und hab dort mit die Frau meines Cousins beerdigt. Und nach der Trauerfeier haben wir uns dann spät abends, es wurde schon dunkel, auf den Weg gemacht. Und auf der Autobahn merkten wir, wie uns Trabantfahrer entgegen kamen, die uns zujubelten. Und da sag ich zu meiner Frau: ‘Eigentlich ist das traurig. Das sind alles junge Leute, die jetzt über Ungarn abhauen in den Westen. Und dann sind wir rechts rangefahren und haben an einer Parkstelle angehalten. Und da erlebten wir, wie völlig aufgelöst Jugendliche in Richtung Berlin fuhren. Und wir konnten uns das Ganze nicht erklären. Und als wir dann zu Haus waren, am nächsten Tag, erfuhren wir: 'Die Mauer in Berlin wurde geöffnet!'

Sprecher: Über ein Jahrzehnt ist seither vergangen. Die Beziehungen der Kirchen in den alten und neuen Bundesländern sind ständig gewachsen. Vieles hat sich verändert. Wie wird sich die Zukunft entwickeln?

Pfarrer Günter Reichardt (Dingelstädt): Wir werden weiterhin aufeinander angewiesen sein. In DDR-Zeiten war es so, dass wir finanzielle Unterstützung, materielle Unterstützung bekommen haben aus den alten Bundesländern. Heute, wo die Grenzen gefallen sind, ist aber das Ost-West-Gefälle immer noch vorhanden, und wir werden noch eine ganze Weile auf Hilfe der Westkirche in dem östlichen Teil Deutschlands angewiesen sein, obwohl wir große Anstrengungen unternehmen, um finanziell auf eigenen Füßen zu stehen. Und das verlangt ja auch die Westkirche, denn die meint, jetzt gebe es andere, die unterstützt werden müssen. Das ist auch verständlich.

Pfarrer Günter Reichardt

Sprecher: Die Grenze ist gefallen, und das ist auch gut so. Doch es scheint noch immer eine Mauer in den Köpfen der Menschen zu geben. Viele bleiben sich fremd und unvertraut. Deshalb sollte die Neugier auf die Geschichten und die Erfahrungen aus einer anderen Zeit nicht aufhören.

Bericht: Christian Gratkowski, Sven Knauf, Rafael Ruiz Lopez, Tobias Ruckert, Eugen Schumacher
Teamer: Steffen Ackermann, Algis Schuhknecht, Andreas Vogt
© 2001
 
 
 
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