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Die Grenze zur DDR ist insgesamt 1393 km lang. Sie
zerschneidet 32 Eisenbahnlinien, 3 Autobahnen, 31 Bundesstraßen, 140
Landstraßen sowie Tausende von öffentlichen Gemeindewegen. Neben
Verkehrsverbindungen und Versorgungsleitungen aller Art zertrennt sie eine
Vielzahl von in Generationen gewachsenen wirtschaftlichen und kulturellen
Beziehungen und unzählige familiäre und persönliche Bindungen.
Irmgard Schad macht sich auf den Weg, um ihre Schwester Maria Führer zu
besuchen. Dazu bedarf es einer 5minütigen Autofahrt, um von ihrem
Heimatort Raßdorf ins benachbarte Dankmarshausen zu gelangen. Auch als
Kind ist sie diesen Weg viele Male gegangen. Doch dazwischen gab es eine
lange Zeit, in der sie diesen Weg nicht gehen konnte. Heute erinnert sie
sich, wie es dazu gekommen war und welche Ereignisse diese lange Zeit
prägen.
Frau Schad:
"Dass die Schwester in die Mühle geheiratet hat, einen Witwer mit zwei
Töchtern und dann ist in '49 der Sohn geboren und ich bin dann jeden Tag
hingelaufen und hab' auf das Kind aufgepasst, da sie ja 'nen Haufen Arbeit
hatten, die Mühle, die Landwirtschaft. Und ich hab' mich eben um das Kind
bekümmert und nach und nach wurde das dann mit der Grenze immer
schlechter. Zu Anfang gings noch, dann sind die Vopos mit Pferden
geritten, die haben mich dann schon öfters angehalten, wo ich hin will,
Werraschreck und Schlottermax waren die berühmten Namen für die beiden und
na ja, die kannten mich schon, da hab' ich immer gesagt, sie sollen mich
in Ruhe lassen, ich will zu meiner Schwester und was ich in der Tasche
hätt: Nischt für Sie! Und alles solche Sachen. Na und nach und nach wurde
es dann immer schlechter und irgendwann war gar nichts mehr, konnte ich
nicht mehr hin. Dann gings dann erst mal Jahre lang nur mit Briefe
schreiben und so und dann konnte man über den Kleinen Grenzverkehr mit
Umständen, also musste man dann an den Rat des Kreises Eisenach und musste
sich ein Visum besorgen, das galt dann jedes Mal 3 Monate und in den 3
Monaten hätte man 9 mal die DDR besuchen können. Aber 9 mal ging ja
finanziell gar nicht, weil man 25 Mark umtauschen musste, 1 zu 1 und 10
Mark Straßengebühren, dann musste man ja auch noch ein bisschen was
mitnehmen, Kaffee und ein bisschen Schokolade
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Alte Mühle in Dankmarshausen |
und was so war, Waschpulver
war dann gefragt und dann bei der Kontrolle die Schikaniererei und die
Untersuchung, der Tank wurde, das war dann auf dem Heimweg, Zettel
ausfüllen, was für Geschenke man mitnimmt, was für DM man mitnimmt und zu
Weihnachten oder Ostern diese Osterhasen oder Weihnachtsmänner oder
Waschpulver, das wurde dann durchleuchtet, es hätte ja was drin sein
können. Alles solche Sachen. Na ja, wenn man durch die Kontrolle war, hat
man erstmal tief Luft geholt und in Eisenach hatten wir uns dann
getroffen, mal Zum Prinzenteich, mal Zur Hohen Sonne, Zur Wartburg, was so
unsere Ziele waren, wo wir ein bisschen abseits waren und konnten uns mal
unterhalten, wie wir es gerne wollten. Ich hab dann immer die Kinder
mitgenommen, die kriegten dann ein paar Schuhe gekauft und ein bisschen
Unterwäsche und wie es so war und das musste Heim geschmuggelt werden, das
ging, das war ja verboten, Kinder kriegten die Schuhe an, die alten wurden
weggeschmissen, die Unterwäsche wurde angezogen, hatten manchmal 5
Unterhemden, oder was auch war oder Sportsachen, die wurden mal ein
bisschen durch den Sand gezogen und links, halb links, die hat man dann
vergessen, aus dem Auto zu machen und wie man so alles anstellen musste.
Einmal hab ich Schererei gehabt mit ein paar Schuhen, da hatte das
betreffende Kind noch Schuhe an, die waren mir noch zu schade zum
Wegschmeißen und die hatte ich noch im Kofferraum und auf dem Heimweg,
Kontrolle, da musste man ja die Motorhaube auf, Kofferraum auf, alle Türen
auf, hinter die Sitzbank, alles musste, dann wurde in den Tank mit dem Stab
und mit dem Spiegel unter dem Auto geleuchtet, alle dies Pipapo wurde
gemacht und dann hatte ich nun die Schuhe, Ja, das wär doch verboten,
Kindersachen sind verboten mitzunehmen und ich sach: Der Opa hat sie
gekauft, was soll ich denn nun machen, sag ich : ja dann muss ich sie hier
lassen, dann ziehen Sie sie an. Ja, sie passen nicht, er wollte mich zum
letzten mal vermahnen, aber Kindersachen sind halt verboten."
Wenn Frau Schad nach Dankmarshausen fährt, weiß sie, dass diese Zeit bei
ihrer Schwester andere Erinnerungen hinterlassen hat. Oft sprechen sie
über die aus verschiedenen Blickwinkeln erlebten Ereignisse. Frau Führer
heute wieder in einem schönen Haus wohnt, so muss sie doch oft an die
Vertreibung aus ihrer Mühle denken.
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Maria Führer |
Frau Führer:
"8 Tage vor Weihnachten, da werden Mienen gelegt. Um 11 Uhr hatten sie
schon einen zugedeckt. In Bosserode ist Kirmes, am Sonntagmorgen kommt ein
Offizier, er will alle Schuhe sehen. Am 17.2. kriegen die Soldaten im
Unterricht erklärt: Wenn der Sohn aus der Mühle vom Militär kommt, müssen
die raus aus der Mühle. Am 1.4. ist er gekommen, das sollte schneller
gehen, aber wir haben doch alle Ställe voll Vieh. Vor Weihnachten musste es
sein. Am 29.9. wird die Mühle abgerissen, alles wird dem Erdboden gleich."
Frau Schad:
"Und dann musste der Sohn zur Volksarmee nach Rostock, so weit weg
haben sie ihn geschafft, dass er ja nicht in die Versuchung kam, vielleicht
abzuhauen, war ja damals. Und dann haben schon die Volkspolizei meiner
Schwester erzählt: Wenn der Sohn wiederkommt, müssen sie die Mühle verlassen.
, müssen sie räumen da und dann sind die, glaube ich, in '70 mussten sie
dann da raus und haben in Dankmarshausen dann ein Haus gekauft und '72
ist die Mühle dann abgerissen worden. Als die Mauer gefallen ist, war
hier natürlich erstmal eine Invasion von nur Trabis, es war alles voll
und alles: ratatatatad, wie sie geschnattert haben und jeder wollte jeden
dann besuchen und was. Wir hatten den Sonntag Taufe, die Tochter ist das
Kind getauft worden, es ist von der Taufe kein Bild gemacht, es war alles
da drauf fixiert und alle wollten gucken und na ja. Und dann gings dann
nach und nach . Bei Heringen war dann die Grenze auf, dann konnte man
bei Wittershausen rüber nach Dankmarshausen, dann bin ich da auch schon
öfters rüber und einige Zeit später konnte man zwischen Höhnebach und
Großensee auch wieder rüber und jeden Tag Ausweis, Ausweis. Ich hatte
meinen Ausweis dabei, aber ich habe ihn dann nicht mehr gezeigt. Ich hab
gesagt: Ich komme jeden Tag, guck mich richtig an und morgen komme ich
wieder. Und dann bin ich halt zu meiner Schwester ins Haus gegangen und
es war keiner da, überall in die Zimmer geguckt, nichts und dann bin ich
wieder raus und dann kam sie vom Hühnerstall und dann spreche ich: Aber
jetzt krieg ja keinen Herzschlag, weil sie das ja gar nicht geahnt hat,
das ich kam. Und das war dann das erste Wiedersehen in Dankmarshausen."
Land und Familien sind nun wieder vereint. Das Grundstück, auf dem einst
die Sandmühle stand, hat Familie Führer zurückgekauft. Hier steht nun ein
Gedenkstein, der an die Jahre der Trennung erinnern soll.
Ein Film von Semhar
Teclesenbet
Mitarbeit: Susanne Glöckner-Heerdt
Teamer: Gabriel L. Chiarello und Andrea Lange
© 2001
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