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Holger Zufall

Ein Reisender im deutsch/deutschen Grenzverkehr

Persönliche Grenzerfahrungen am Grenzübergang Duderstadt/Worbis

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Frage: Hr. Zufall, im Jahre 1985 kam in Ihnen erstmals der Wunsch auf die DDR als Tourist zu bereisen. Eine der für Sie interessantesten Sehenswürdigkeiten waren der Kyffhäuser und das bekannte Rosarium in Sangerhausen. Aufgrund der damals noch bestehenden deutsch/deutschen Teilung nutzten Sie den Grenzübergang Duderstadt/Worbis, an dem wir uns gerade hier vor diesem alten Grenzturm befinden. Wie würden Sie Ihre ersten Erfahrungen innerhalb des kleinen Grenzverkehrs beschreiben ? 

Holger Zufall

Antwort: Ja, hier vor diesem Grenzgebäude begann das grosse Zittern. Wir versuchten immer DDR-Mark mit reinzuschmuggeln und andere Kleinigkeiten, die von den DDR-Bürgern gewünscht wurden. Zum Beispiel die „Bravo“ und andere Zeitschriften, politische Zeitschriften, die, wenn die Grenzpolizisten uns erwischt haben, sie beschlagnahmt haben und dann eine Strafe verhängt haben.

Frage: Und warum haben sie gerade diese Zeitschriften beschlagnahmt ? Gab es da bestimmte Gesetzesvorlagen ? 

Antwort: Ja, es gab Gesetze, die diese Sachen verboten haben. Und vorne an dem Zollgebäude wurden die dann beschlagnahmt und man bekam auch eine Bestätigung. So sind mir zum Beispiel hundert Papierdeckel beschlagnahmt worden, als Druckerzeugnisse.

Frage: Und die Bravo wurde Ihnen auch beschlagnahmt ?

Antwort: Ja, die Bravo hatte ich einfach nur im Auto liegen und wurde beschlagnahmt, weil das eben zum Teil pornographische Zeitungen waren, nach DDR-Recht.

Frage: Und Sie hatten auch einmal das Erlebnis, dass Sie Raketen mit in die DDR nehmen wollten. Ich weiß nicht, ob das kurz vor Silvester war ?

Antwort: Ja, das war in der Raketendiskussion, Pershing usw., da hab’ ich also in die Zollerklärung, die wir ausfüllen mussten, Raketen reingeschrieben und das war natürlich vollkommen verboten einzuführen, also Silvesterraketen. Ich wurde zurückgeschickt und habe sie dort dann am Parkplatz in die Luft gejagt. Dann bin ich anschließend zurückgefahren und gleich durchgewunken worden.

Frage: Tja, jetzt stehen wir am Originalort, den Sie öfters passiert haben. Was für Gefühle kommen da in Ihnen auf ?

Antwort: Heute ist natürlich die Lage ganz anders. Damals wurde hier sehr streng kontrolliert und man stand immer noch mit einem Bein in eh, also das man dachte, man könnte verhaftet werden.

Frage: Wie man dieser langen Auflistung von Daten der Grenzüberschreitung entnehmen kann, bereisten Sie die DDR ja recht oft. Gab es neben dem Wunsch diese Gegend hier, die ja auch sehr schön ist, kennen zulernen auch noch andere Gründe, die Sie bewegten hierher zu fahren ?

Antwort: Meine Freunde und ich lernten hier Bekanntschaften kennen. So ergab es sich, dass wir dann ziemlich oft, also fast alle 14 Tage hier rüber gefahren sind.

 

Interview in der Disco "Pferdestall" in Sangerhausen

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Hr. Zufall: Hier in der Disco in Sangerhausen, im „Pferdestall“, lernte ich eine Frau kennen, die mich zur Herbstmesse 1988 nach Leipzig einlud. Als ich dort dann ein paar Tage später ankam, lernte ich dort deren Ehemann und ein paar Freunde von ihr kennen. Und nach ein paar Bierchen offenbarten sie mir, dass sie die DDR auf jeden Fall irgendwie verlassen wollten. Wir haben uns dann noch mal getroffen und dann haben wir besprochen, oder habe ich den Vorschlag gemacht, da ich ja den Berlinverkehr kannte und sehr oft nach Berlin gefahren bin und dort keine Kontrollen gemacht wurden, hab’ ich ihnen den Vorschlag gemacht über Berlin in die BRD zu kommen. 

Frage: So sind die beiden ja letztendlich auf offene Türen bei Ihnen gestossen. Waren Sie denn von vorneherein bereit Menschen die Flucht zu ermöglichen oder wie kommt es dazu, dass Sie so etwas überhaupt machen ? Das ist ja auch nicht ungefährlich !

Antwort: Naja nun, man hat sich halt angefreundet und Zusagen gemacht, in leicht angetrunkenem Zustand, die man dann also doch dann gehalten hat.

Frage: Ja, und dann kam dieser große Tag der Flucht. Haben Sie den dann ganz besonders geplant ?

Antwort: Ja, ich war ein paar Tage noch einmal in Leipzig, also die Einzelheiten haben wir dann durchgesprochen. Die sind also hier dann in der Nähe auf dem Parkplatz hier gekommen mit dem Zug und ich hab’ sie dann aufgenommen und wir sind dann in die Nähe von Halle gefahren und dort sind sie dann in den Kofferraum gestiegen und dann ging es ab nach Berlin. Das ging ohne weiteres glatt.

Frage: Beide sind in den Kofferraum rein ?

Antwort: Beide sind in den Kofferraum rein, und so sind wir ohne Schwierigkeiten über die Grenze gekommen.

Frage: Und das war nicht zu eng, und die haben keine Platzangst oder Atemnot bekommen ?

Antwort: Nein, da war keine Gefahr dabei. Und in Berlin haben wir natürlich dann mächtig einen gefeiert. So sind wir dann einmal den Kuhdamm einmal rauf und wieder runter. Und am Abend habe ich sie dann in Marienfelde bei den Alliierten abgegeben.

Frage: Haben Sie dann später von den Flüchtlingen noch einmal irgendwas gehört ? Haben Sie sie dann noch einmal getroffen ? 

Antwort: Ja, ja, ich bin eine Woche später wieder nach Berlin gefahren, bin bei die amerikanischen Behörden gefahren und habe ihnen dann auch in West-Deutschland bei Nordheim eine Wohnung besorgt. Und dort sind sie dann ausgeflogen worden. 

Frage: Der Kontakt besteht heute noch ?

Antwort: Der besteht heute noch. Ja.

 

Interview im Rosarium

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Wir befinden uns hier im Rosarium in Sangerhausen, der weltgrößten Ansammlung von Rosen, die man sich überhaupt anschauen kann. Aber nun zurück zu Ihrer Geschichte Hr. Zufall.

Frage: Ein halbes Jahr nach der ersten erfolgreichen Fluchthilfe, hatte ein Bekannter der beiden ersten Flüchtlinge ebenfalls den dringenden Wunsch die DDR zu verlassen. Nach einer vorherigen Kontaktaufnahme in Leipzig, wurde als Fluchttag der 12. März 1989 ausgemacht. Wie gingen Sie bei Ihrer Fluchthilfe dieses mal vor ?

Antwort: Dieses mal fuhr ich zuerst nach Berlin und auf der Rückfahrt lud ich den Fluchtwilligen in Halle ein und fuhr dann weiter nach Marienborn. Dort wurde ich in eine Art Garage gebeten, wo links und rechts ein Röntgenapparat stand, dann wurde der Kofferraum durchleuchtet.

Frage: Dann wurde dabei bedauerlicherweise der Flüchtling entdeckt und das hatte ja ganz große Konsequenzen für Ihr ganzes Leben im Grunde genommen. Was war das genau, was passierte dann ?

Antwort: Ja, ich musste mich an die Wand stellen, wurde nach Waffen durchsucht. Dabei bekam ich auch ein paar Schläge ab und bekam dann Handschellen angelegt. Das war das einzige Mal, wo die handgreiflich wurden. Dann bin ich ca. 24 Stunden verhört worden in einem Verhörraum und eh, wenn ich einschlief, habe ich immer einen Tritt gegen das Knie bekommen. Es war ein Mann, der wie in den bekannten Gangsterfilmen mit einer Lampe ins Gesicht leuchtete und dann immer nur dieselben Fragen stellte und ich habe nur die Antworten, die Fragen nach Name und Adresse beantwortet. Anschließend wurde ich dann nach Magdeburg in den „Roten Ochsen“, das Stasi-Untersuchungsgefängnis, verbracht und dort bekam ich den Haftbefehl vorgelesen.

Ja, ich wurde zu siebeneinhalb Jahren wegen staatsfeindlichen Menschenhandels verurteilt und das hatte sehr starke Konsequenzen. Ich musste mein Büro in Kassel aufgeben. Ich musste ja auch damit rechnen, dass ich mindestens die Hälfte dieser Strafe absitzen musste, bevor ich von der Bundesregierung freigekauft worden wäre.

Frage: Fünf Tage später erreichte Ihre Eltern die Nachricht Ihrer Inhaftierung. Wie reagierten die darauf ? Hatten Ihre Eltern die Möglichkeit Sie zu besuchen oder anderweitig mit Ihnen Kontakt aufnehmen zu können ?

Antwort: Sie hatten zwar die Möglichkeit mich zu besuchen, haben das aber nicht wahrgenommen und haben mir stattdessen jede 14 Tage brieflich geschrieben. Ja, ich habe gegen das Urteil Berufung eingelegt über den berühmten Rechtsanwalt Prof. Dr. Vogel. Aber, das ist also nicht anerkannt worden. Ja, ich musste mich natürlich jetzt auf eine längere Haftzeit einstellen. Ich wurde eh, dort waren wir zu sechst auf dem Zimmer. Ich wurde dann also nach Berlin verbracht in das Gefängnis Rommelsburg und wir mussten dort ungefähr acht Stunden am Tag arbeiten. Wir waren bei einem Elektromaschinengerätehersteller, Kühlschrankbau, und da haben wir Kondensatoren gebaut.

Frage: 1989 kam es ja dann zu dieser Gefängnisrevolte, wie Sie mir in unserem Vorgespräch erzählt haben. Wie muss man sich das vorstellen ?

Antwort: Ja, in der ganzen DDR wurde in den Gefängnissen gestreikt und wir als West-Deutsche sollten Streikbrecher machen. Wir sollten also zum Beispiel die Wäsche waschen oder die Gefängnisbäckerei bedienen. Da hab’ ich natürlich auch mit zum Streik aufgerufen und hatte dadurch auch enorme Schwierigkeiten.

Frage: Am 9. November 1989, ein Tag den kein Deutscher je vergessen wird, dem Tag des Mauerfalls, sahen Sie im Gefängnis einen Fernsehbericht die unvergessliche Rede von Hr. Schabowski, der darin das Ende der DDR proklamierte. Änderte sich dadurch etwas an Ihrer Inhaftierung ?

Antwort: Ja natürlich wurden die Schergen der Staatssicherheit kleinlaut, haben dann nicht mehr den entsprechenden Druck ausgeübt und wir bekamen plötzlich West-Fernsehen in unseren Fernsehraum und haben danach auch West-Fernsehen gesehen und haben natürlich die ganzen Ströme von Ost nach West im Fernsehen sehen können.

Frage: Hieß das für Sie, dass Sie das Gefängnis sofort verlassen konnten ?

Antwort: Nein, nein, nein. Es wurde kurz darauf eine Amnestie beschlossen, die allerdings nur für Häftlinge bis drei Jahre Haftzeit sich ausdehnte, sodass wir noch weiterhin im Gefängnis bleiben mussten. 

Frage: Dann kam der Besuch von Altbundeskanzler Helmut Kohl am 20. Dezember 1989 in Dresden, wo dann sämtliche politischen Gefangenen entlassen wurden. Wurden Sie dann auch entlassen ?

Antwort: Ja, ich bekam also am 19. Dezember die Mitteilung, dass ich die DDR über Berlin verlassen konnte und bin dann am 20. über die Oberbaumbrücke nach West-Berlin entlassen worden. Habe mir dann noch die Maueröffnung, also die Öffnung des Brandenburger Tors angesehen und bin dann nach Hause gefahren. 

Frage: Genau, in Ihre nordhessische Heimat in Lohfelden, die Sie lange nicht gesehen haben. Das war doch ein erhebendes Gefühl, denk’ ich ?

Antwort: Ja, genau, ja !

Frage: Zum Abschluss unseres Gesprächs bleibt eigentlich nur noch die Frage, ob Sie nach dem Jahre 1989, als die Grenze gefallen war und damit der „Kleine Grenzverkehr“ der deutschen Geschichte angehörte, noch weiterhin bestehende Kontakte zu Menschen aus diesem Gebiet pflegen, oder ist es eher so, dass Sie Begebenheiten und Örtlichkeiten nicht mehr ins Gedächtnis zurückrufen wollen ? 

Antwort: Nein, ich bin davor und danach sehr oft in die DDR gefahren und wie wir sehen, sind wir heute auch wieder hier. 

Frage: Genau, wir sind im schönen Rosarium. Ich danke Ihnen ganz herzlich für Ihre Offenheit und für das Gespräch und wünschen Ihnen alles Gute.

 

Interview: Andreas Zollenkopf
Kamera und Schnitt: Murat Sivis
© 2001

 
 
 
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